Auf einen Blick
- Gegründet1335 als eigenständige Stadt Kazimierz
- Eingemeindet1800 nach Kraków
- Synagogensieben erhaltene, eine davon in Gebrauch
- Alter FriedhofRemuh-Friedhof, angelegt 1535
- UNESCOTeil des Welterbes Kraków seit 1978
- Dauerein halber bis ganzer Tag
Fünf Jahrhunderte jüdisches Kraków
Kasimir der Große gründete den Ort 1335 als eigene Stadt mit eigenem Rathaus, das heute am Plac Wolnica steht und das Ethnographische Museum beherbergt. Ende des 15. Jahrhunderts siedelten die Juden Krakaus hierher um, teils gedrängt, teils weil hier Platz war. Aus der Ansiedlung wurde eine Gemeinde von europäischem Rang: Talmudgelehrte, Druckereien, Handel, Streit und Alltag.
Der bekannteste Name ist Moses Isserles, genannt Remu, Rabbiner und Gelehrter des 16. Jahrhunderts, dessen Kommentar zum Schulchan Aruch bis heute für das aschkenasische Judentum maßgeblich ist. Sein Grab liegt auf dem Friedhof neben der kleinen Remuh-Synagoge, und bis heute kommen Menschen aus der ganzen Welt dorthin.
1800 machte die österreichische Verwaltung aus der eigenständigen Stadt einen Stadtteil Krakaus. Vor 1939 lebten in der Stadt rund sechzigtausend Juden, etwa ein Viertel der Einwohner. Sie waren keine Randgruppe, sondern ein Teil dessen, was Kraków ausmachte.
Die Vernichtung
Im März 1941 zwang die deutsche Besatzungsmacht die jüdische Bevölkerung Krakaus in ein Getto. Es lag nicht in Kazimierz, sondern jenseits der Weichsel in Podgórze. Die Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen und über die Brücke ziehen. Kazimierz stand leer.
1942 begannen die Deportationen in das Vernichtungslager Bełżec, im März 1943 wurde das Getto aufgelöst. Wer nicht sofort ermordet wurde, kam in das Lager Płaszów am Südrand der Stadt. Von der Gemeinde, die dieses Viertel über Jahrhunderte gebaut hatte, überlebte nur ein kleiner Teil. Diese Tatsache steht vor allem anderen, was du hier siehst.
Die Synagogen und der Friedhof
Die Alte Synagoge an der Szeroka ist der älteste erhaltene Synagogenbau Polens, im Kern aus dem 15. Jahrhundert, heute ein Museum der Stadt zur Geschichte und Kultur der Krakauer Juden. Sie ist der beste Einstieg, wenn du wenig Vorwissen hast.
Die Remuh-Synagoge daneben wird bis heute für Gottesdienste genutzt, sie ist also kein Museum. Männer bedecken den Kopf, am Eingang liegen Kippot bereit. Auf dem Friedhof dahinter stehen Grabsteine aus dem 16. Jahrhundert. Weil die deutschen Besatzer den Friedhof zerstörten, wurden die Bruchstücke nach dem Krieg zu einer Mauer zusammengesetzt, die heute den Eingangsbereich säumt. Man muss sie nicht erklären, man muss sie nur ansehen.
Dazu kommen die Tempel-Synagoge des progressiven Judentums mit ihrem reich bemalten Innenraum, die Izaak-Synagoge, die Hohe Synagoge, die Kupa- und die Popper-Synagoge. Nicht alle sind durchgehend zugänglich. Am Schabbat bleiben die religiös genutzten Räume für Besucher geschlossen, das ist keine Ausnahme, sondern die Regel.
Gut zu wissen: Auf jüdischen Friedhöfen tragen Männer eine Kopfbedeckung. Steine auf einem Grab sind ein Zeichen des Gedenkens, Blumen nicht. Fotografiere zurückhaltend und nie Menschen beim Gebet. Wenn du unsicher bist, frag am Eingang. Es wird dir freundlich erklärt.
Kazimierz heute
Nach 1945 verfiel das Viertel jahrzehntelang. Erst seit den Neunzigerjahren wird es wieder bewohnt, saniert und belebt. Es gibt wieder eine kleine jüdische Gemeinde, ein jüdisches Gemeindezentrum, koschere Angebote und seit den späten Achtzigerjahren das Festival der jüdischen Kultur, das jeden Sommer Musiker und Gelehrte in die Stadt bringt.
Gleichzeitig ist Kazimierz heute ein Viertel mit Cafés, Galerien, Antiquariaten und Wochenmarkt. Am Plac Nowy steht der runde Backsteinbau, in dem einst koscher geschlachtet wurde und in dem heute Zapiekanki über die Theke gehen. Beides gehört zu diesem Ort. Nur die Reihenfolge sollte stimmen: Das Viertel ist kein Ausgehquartier mit historischer Kulisse, sondern ein historischer Ort, in dem wieder gelebt wird.
Der christliche Teil von Kazimierz ist übrigens ebenso alt: die Fronleichnamskirche am Plac Wolnica und die Paulinerkirche auf der Skałka, in deren Krypta polnische Künstler und Gelehrte bestattet sind.
Tickets: Durch die Straßen zu laufen kostet nichts. Für die Museumssynagogen, den Remuh-Friedhof und einzelne Häuser gibt es je ein Ticket am Eingang, manche Synagogen bieten ein Kombiticket an. Bezahlt wird in Złoty, Karten werden fast überall genommen. Lehne am Terminal die Abrechnung in Euro ab und wähle Złoty, sonst zahlst du den Aufschlag der dynamischen Währungsumrechnung.
Wie du den Besuch legst
Nimm dir den Vormittag für die Szeroka mit Alter Synagoge, Remuh und Friedhof, danach die Tempel-Synagoge. Am Nachmittag kannst du über die Fußgängerbrücke nach Podgórze gehen, wo das Getto lag. Wer beides an einem Tag macht, versteht den Zusammenhang, und genau darum geht es.
Der Weg vom Rynek Główny hierher dauert etwa zwanzig Minuten zu Fuß, vom Wawel zehn. Wo du in Kazimierz gut isst, steht unter Essen und Trinken, welche Viertel sich zum Übernachten eignen, unter Hotels in Kraków. Der größere Zusammenhang jüdischer Geschichte in Polen steht unter jüdisches Erbe, alle Orte der Stadt unter Krakau Sehenswürdigkeiten.
Wenn es nicht klappt
- Wenn es voll istDie Szeroka ist am Vormittag am vollsten, weil dort die Gruppen starten. Dreh die Reihenfolge um: erst Tempel-Synagoge und die stilleren Gassen um die Józefa, danach Alte Synagoge und Friedhof. Am späten Nachmittag hast du beide fast für dich.
- Wenn es regnetDie Museumssynagogen, das Ethnographische Museum am Plac Wolnica und die Fronleichnamskirche sind Innenprogramm für mehrere Stunden. Der Remuh-Friedhof liegt im Freien und ist bei Dauerregen wenig angenehm, ihn hebst du dir dann für den nächsten Tag auf.
- Mit KindernDie Themen sind schwer und für kleine Kinder nicht geeignet. Mit älteren Kindern funktioniert es, wenn du kurze Etappen machst und offen erklärst, statt zu beschönigen. Der Markt am Plac Nowy und die Fußgängerbrücke über die Weichsel geben Luft dazwischen.
- Mit eingeschränkter MobilitätKazimierz ist flach, das hilft. Der Belag wechselt zwischen Kopfsteinpflaster und Asphalt, einzelne Bürgersteige sind schmal. Mehrere Synagogen haben Stufen am Eingang und keinen Aufzug, der Friedhofsweg ist uneben. Die Tram bringt dich bis an den Rand des Viertels.
Häufige Fragen
War das Krakauer Getto in Kazimierz?
Nein. Das ist der häufigste Irrtum. Das Getto richtete die Besatzungsmacht im März 1941 in Podgórze auf der anderen Weichselseite ein, die jüdische Bevölkerung musste Kazimierz verlassen und dorthin ziehen. Der Film „Schindlers Liste“ wurde teilweise in Kazimierz gedreht, was die Verwechslung verstärkt hat. Die Gettomauerreste und der Platz der Gettohelden liegen in Podgórze.
Wie viele Synagogen gibt es in Kazimierz?
Sieben historische Synagogen sind erhalten, was für Europa ungewöhnlich ist. Die Alte Synagoge ist der älteste Synagogenbau Polens und heute ein Museum. Die Remuh-Synagoge wird weiterhin für Gottesdienste genutzt. Die übrigen sind teils Museum, teils Kulturraum, teils nur zu bestimmten Zeiten zugänglich. Ein Kombiticket deckt mehrere Häuser ab.
Wie viel Zeit sollte man für Kazimierz einplanen?
Einen halben Tag für die Synagogen, den Remuh-Friedhof und die Straßen ringsum. Einen ganzen Tag, wenn du Podgórze mit den Gettomauerresten und dem Museum in der ehemaligen Emailwarenfabrik anschließt. Diese Kombination ergibt inhaltlich am meisten Sinn, kostet aber Kraft. Plane für den Abend nichts Anspruchsvolles mehr ein.
Wie verhält man sich in Kazimierz angemessen?
Wie an jedem Ort, an dem Menschen leben und gedenken. Auf dem Friedhof tragen Männer eine Kopfbedeckung, es wird zurückhaltend fotografiert und niemand beim Gebet abgelichtet. Am Schabbat bleiben die religiös genutzten Räume geschlossen. Lautes Gruppenverhalten vor der Remuh-Synagoge ist unangebracht, auch wenn es sich um eine belebte Straße handelt.
Lohnt sich Kazimierz auch ohne Museumsbesuch?
Ja, die Straßen selbst erzählen viel: Hausdurchgänge, Höfe, hebräische Inschriften über Türen, der Wochenmarkt am Plac Nowy. Ohne Erklärung bleibt allerdings vieles stumm. Wenn du keine Museen magst, nimm wenigstens eine Führung oder lies vorher zwei Seiten über die Geschichte des Viertels. Sonst siehst du nur hübsche Fassaden.





