Region in Polen

Lebuser Land: Grenzregion an der Oder

Das Lebuser Land (województwo lubuskie) liegt direkt hinter der deutschen Grenze, zwischen Oder und Lausitzer Neiße. Für Berlin ist es das nächstgelegene Stück Polen, mit dem Regionalzug in gut einer Stunde erreichbar, und trotzdem kennen es die wenigsten. Es ist die waldreichste Woiwodschaft des Landes, dünn besiedelt und ohne große Stadt.

Was hier steht, ist trotzdem bemerkenswert: ein Landschaftspark auf beiden Seiten der Neiße, der zum Welterbe gehört, ein unterirdisches Bunkersystem aus den 1930er Jahren, in dem heute Zehntausende Fledermäuse überwintern, und die einzige nennenswerte Weinregion Polens. Dazu eine Doppelstadt, in der du von einem Land ins andere spazierst.

Lebuser Land: Grenzregion an der Oder
Foto: Danapass, CC BY 3.0 · Wikimedia Commons

Auf einen Blick

  • WoiwodschaftLebus (lubuskie), an der deutschen Grenze
  • Besonderheitzwei Hauptstädte: Gorzów Wielkopolski und Zielona Góra
  • UNESCO-WelterbeMuskauer Park (Park Mużakowski), seit 2004
  • Landschaftwaldreichste Woiwodschaft Polens
  • Ideale Dauer2 bis 3 Tage
  • Beste ReisezeitMai bis September, Weinfest im Herbst

Warum das Lebuser Land

Diese Region ist kein Ziel für eine große Rundreise, sondern für ein verlängertes Wochenende, am besten mit dem Auto oder dem Fahrrad. Sie hat keine Altstadt von Rang, dafür Wälder, Seen, zwei Flüsse und sehr wenig Verkehr. Wer aus Berlin oder Brandenburg kommt, ist schneller da als an der Ostsee und findet eine Gegend, die spürbar anders funktioniert, obwohl die Grenze offen ist.

Die Grenzverschiebung von 1945 hat hier alles verändert: Die deutsche Bevölkerung musste gehen, Polen aus den östlichen Gebieten wurden angesiedelt. Fast alle Familien in dieser Region sind also selbst zugezogen, oft aus Gegenden, die heute in der Ukraine oder in Belarus liegen. Das erklärt, warum es hier kaum lokale Traditionen gibt und warum die Orte so pragmatisch wirken.

Zwei Hauptstädte

Das Lebuser Land ist neben Kujawien-Pommern eine von zwei Woiwodschaften mit geteilter Hauptstadtfunktion: In Gorzów Wielkopolski sitzt die staatliche Verwaltung, in Zielona Góra die Selbstverwaltung mit dem Marschall. Beide Städte sind mittelgroß, ordentlich und ohne Höhepunkte, die eine Anreise allein rechtfertigen. Zielona Góra hat die angenehmere Innenstadt, mit einer langen Fußgängerzone, dem Palmenhaus auf dem Weinberg und einem Rathausturm.

Wer eine große polnische Stadt sehen will, fährt weiter: Posen liegt gut anderthalb Stunden östlich, Stettin nördlich und Breslau im Südosten. Das Lebuser Land ist die Zwischenstation, nicht das Finale.

Wein rund um Zielona Góra

Zielona Góra heißt auf Deutsch Grünberg, und Weinbau gibt es hier seit dem Mittelalter. Nach 1945 kam er fast zum Erliegen, seit den 2000er Jahren wachsen wieder Reben an den Hängen rund um die Stadt. Die Betriebe sind klein, viele öffnen nur nach Absprache, und angebaut werden vor allem frühreifende Sorten, die mit dem kurzen Sommer zurechtkommen.

Im September wird das Weinfest gefeiert, das Winobranie, mit Umzug und vollem Stadtzentrum. Wenn du zu dieser Zeit kommst, buch die Unterkunft früh. Den Rest des Jahres findest du die Weine in Läden und Lokalen der Stadt, und ein Weinlehrpfad führt durch die Hänge.

Słubice: eine Stadt, zwei Länder

Słubice war bis 1945 die Dammvorstadt von Frankfurt an der Oder. Seit die Grenze mitten durch die Stadt läuft, sind es zwei Städte, verbunden durch eine Brücke, die du in fünf Minuten zu Fuß überquerst. Auf polnischer Seite steht das Collegium Polonicum, eine gemeinsame Einrichtung der Universität Posen und der Europa-Universität in Frankfurt.

Praktisch bedeutet das: Du kannst mit dem Regionalzug aus Berlin nach Frankfurt fahren, über die Brücke gehen und stehst in Polen, ohne ein Auto gebraucht zu haben. Der Markt gleich hinter der Brücke ist auf deutsche Kundschaft eingestellt, gezahlt wird trotzdem am besten in Złoty.

Achtung: Auch direkt an der Grenze gilt in Polen der Złoty. Läden nehmen zwar oft Euro, rechnen aber zu einem Kurs um, der für dich schlecht ist. Zahl mit Karte in Złoty und lehne die Abrechnung in Euro am Terminal ab. Wechselstuben nennen sich kantor, die in Grenznähe haben meist bessere Kurse als die am Bahnhof.

Muskauer Park: Welterbe über die Neiße

Hermann von Pückler-Muskau legte ab 1815 rund um Bad Muskau einen riesigen Landschaftspark an. Seit 1945 verläuft die Grenze mitten hindurch, der größere Teil liegt heute auf polnischer Seite bei Łęknica. 2004 wurde die Anlage als grenzüberschreitendes UNESCO-Welterbe eingetragen, seither wird gemeinsam gepflegt und restauriert.

Über die Doppelbrücke gehst du von Deutschland nach Polen und zurück, ohne den Park zu verlassen. Wiesen, Sichtachsen, Baumgruppen, ein Aussichtspunkt auf dem Schweizerhaus-Hügel: Das ist Gartenkunst im großen Maßstab und der stärkste Grund, in diese Ecke zu fahren. Plane einen halben bis ganzen Tag, gutes Schuhwerk hilft, die Wege sind lang.

Oder-Warthe-Bogen: Bunker und Fledermäuse

Zwischen Międzyrzecz und Świebodzin liegt eine der größten Befestigungsanlagen Europas aus den 1930er Jahren. Das Deutsche Reich baute hier Panzerwerke, verbunden durch ein unterirdisches Tunnelsystem von rund dreißig Kilometern Länge, in dem sogar eine Bahn fuhr. Nach dem Krieg blieb alles liegen.

Heute ist das Ganze zweierlei: technisches Denkmal und Naturschutzgebiet. In den Stollen überwintern mehr als 30.000 Fledermäuse, eines der größten Quartiere des Kontinents. Besichtigt wird nur mit Führung und nur auf freigegebenen Abschnitten, außerhalb der Winterruhe der Tiere. Unter Tage ist es das ganze Jahr kühl und feucht, nimm eine Jacke und feste Schuhe mit.

Kostrzyn, Ujście Warty und Łagów

Kostrzyn an der Oder wurde 1945 fast vollständig zerstört. Die Altstadt innerhalb der Festungswälle wurde nie wieder aufgebaut, geblieben sind Straßenraster, Kellergewölbe und Fundamente im Gras. Der Ort nennt das selbst das Pompeji an der Oder, und der Eindruck stimmt.

Gleich daneben liegt der Nationalpark an der Warthemündung, ein Überschwemmungsgebiet und eines der wichtigsten Vogelrastgebiete Mitteleuropas. Im Herbst sammeln sich hier Zehntausende Gänse. Weiter südlich liegt Łagów zwischen zwei Seen, mit einer Burg des Johanniterordens, und bei Świebodzin steht direkt an der Schnellstraße eine 36 Meter hohe Christusfigur, an der niemand vorbeifährt, ohne sie zu bemerken.

Anreise und Praktisches

Aus Berlin fährst du mit dem Regionalzug nach Frankfurt an der Oder und läufst über die Brücke nach Słubice, oder du nimmst die Bahn über Rzepin, wo die Fernzüge Richtung Posen und Warschau halten. Auch Kostrzyn ist mit dem Regionalzug aus Berlin erreichbar. Mehr zu Verbindungen findest du unter Polen mit dem Zug.

Mit dem Auto kommst du über die A2 aus Berlin, die auf polnischer Seite mautpflichtig ist. Wer die Region wirklich sehen will, braucht ein Fahrzeug, denn Muskauer Park, Bunker und Weinberge liegen weit auseinander. Was du sonst zur Autofahrt wissen musst, steht unter mit dem Auto nach Polen: Licht am Tag, strengere Alkoholgrenze, Vorrang für Fußgänger am Zebrastreifen.

Beste Reisezeit

Von Mai bis September ist die Region am schönsten, weil dann alles offen ist und die Wälder und Seen ihren Zweck erfüllen. Der September ist wegen der Weinlese und der Vogelzüge an der Warthe die interessanteste Zeit. Im Winter sind die Bunkeranlagen wegen der Fledermäuse eingeschränkt zugänglich und viele kleine Betriebe geschlossen. Wer im Herbst kommt, kombiniert das gut mit Westpommern weiter im Norden.

Häufige Fragen

Warum hat das Lebuser Land zwei Hauptstädte?

Bei der Verwaltungsreform von 1999 konnten sich Gorzów Wielkopolski und Zielona Góra nicht einigen. Die Lösung war eine Teilung der Funktionen: In Gorzów sitzt die staatliche Verwaltung mit dem Wojewoden, in Zielona Góra die gewählte Selbstverwaltung mit dem Marschall. Das Lebuser Land ist damit neben Kujawien-Pommern eine von zwei polnischen Woiwodschaften mit zwei Hauptstädten.

Gibt es in Polen wirklich Weinbau?

Ja, vor allem rund um Zielona Góra, wo seit dem Mittelalter Reben stehen und der Anbau nach einer langen Pause seit den 2000er Jahren wieder wächst. Die Betriebe sind klein, die Sorten früh reifend. Im September wird das Weinfest Winobranie gefeiert. Erwarte keine großen Weingüter, sondern kleine Familienbetriebe, oft nur nach Voranmeldung geöffnet.

Kann man die Bunker des Oder-Warthe-Bogens besichtigen?

Ja, auf freigegebenen Abschnitten und nur mit Führung. Es geht in ein Tunnelsystem von rund dreißig Kilometern Länge, das in den 1930er Jahren gebaut wurde. Weil dort mehr als 30.000 Fledermäuse überwintern, sind Teile im Winter gesperrt. Unter Tage ist es kühl und feucht, nimm Jacke und feste Schuhe mit.

Wie kommt man von Berlin ins Lebuser Land?

Am einfachsten mit dem Regionalzug nach Frankfurt an der Oder und zu Fuß über die Brücke nach Słubice, das dauert insgesamt gut eine Stunde. Fernzüge Richtung Posen und Warschau halten in Rzepin. Mit dem Auto führt die A2 direkt in die Region, auf polnischer Seite mit Mautabschnitten.

Lohnt sich der Muskauer Park?

Ja, es ist der Höhepunkt der Region. Der Landschaftspark wurde ab 1815 von Hermann von Pückler-Muskau angelegt und liegt heute zu großen Teilen auf polnischer Seite bei Łęknica. Seit 2004 gehört er als grenzüberschreitende Anlage zum UNESCO-Welterbe. Über die Doppelbrücke wechselst du im Park das Land. Plane einen halben bis ganzen Tag ein.