Auf einen Blick
- WoiwodschaftSchlesien (śląskie), Hauptstadt Kattowitz (Katowice)
- LageSüdpolen, Grenze zu Tschechien, im Süden die Beskiden
- UNESCO-WelterbeBlei-Silber-Zink-Bergwerk Tarnowskie Góry, seit 2017
- WallfahrtsortJasna Góra in Tschenstochau, Kloster seit 1382
- Ideale Dauer3 bis 4 Tage, mit Bergen länger
- Beste ReisezeitMai bis September, Beskiden auch im Winter
Welches Schlesien ist gemeint?
Der Name führt in die Irre, deshalb zuerst die Landkarte. Das historische Schlesien reicht von Görlitz bis fast nach Krakau. Die heutige Woiwodschaft Schlesien deckt davon nur den östlichen Teil ab, also Oberschlesien mit dem Industrierevier. Der Westen um Breslau bildet die eigene Woiwodschaft Niederschlesien, dazwischen liegt die Region Oppeln mit der größten deutschen Minderheit Polens. Und weil Verwaltungsgrenzen selten mit Geschichte übereinstimmen, gehören zur Woiwodschaft auch Gebiete, die nie schlesisch waren, etwa Tschenstochau.
Prägend ist bis heute eine eigene schlesische Identität. Viele Menschen hier sprechen im Alltag eine eigene Sprachform, die polnische, deutsche und tschechische Wurzeln mischt, und verstehen sich zuerst als Schlesier. Die Region wechselte nach dem Ersten Weltkrieg mehrfach die Zugehörigkeit, wurde 1921 nach einer Volksabstimmung und drei Aufständen geteilt und kam nach 1945 vollständig zu Polen.
Kattowitz: von der Kohle zur Kultur
Kattowitz (Katowice) hat rund 287.000 Einwohner und ist der Mittelpunkt eines Städtebands, in dem mehr als zwei Millionen Menschen leben. Eine Altstadt gibt es nicht, die Stadt ist erst im 19. Jahrhundert groß geworden. Ihre Stärke ist die Architektur des 20. Jahrhunderts: Wohnhäuser der klassischen Moderne aus der Zwischenkriegszeit, die Rundhalle Spodek von 1971 in Form einer Untertasse, und auf dem Gelände der stillgelegten Grube Katowice die Kulturzone mit dem Schlesischen Museum, das seine Ausstellung unter die Erde verlegt hat, dazu ein Konzerthaus für das Rundfunksinfonieorchester und ein Kongresszentrum mit begehbarem Dachtal.
Das andere Kattowitz steht in Nikiszowiec. Diese Bergarbeitersiedlung wurde ab 1908 aus rotem Backstein gebaut, mit geschlossenen Blöcken um Innenhöfe, Kirche, Waschhaus und Laden. Sie ist bewohnt, kein Museum, und gerade deshalb ein besserer Ort zum Verstehen als jede Ausstellung.
Industrieerbe: unter Tage und über Tage
Die Region hat ihr Erbe zu einer Route verbunden, der Industriedenkmalroute, die mehrere Dutzend Stationen umfasst. Drei davon sind ihr Kern.
In Zabrze fährst du in der Zeche Guido mit dem Förderkorb mehrere hundert Meter in die Tiefe und stehst in echten Abbaustrecken, mit Maschinen, Stollenluft und Helm. Der benachbarte Königin-Luise-Stollen wird in Teilen mit dem Boot befahren. In Tarnowskie Góry liegt das Blei-Silber-Zink-Bergwerk, seit 2017 UNESCO-Welterbe, samt einem unterirdischen Wasserlauf, der Schwarzforellenstollen heißt. Und in Gleiwitz steht ein Sender aus Holz.
Gleiwitz (Gliwice) ist mit rund 199.000 Einwohnern eine der größeren Städte des Reviers, hat einen hübschen Ring mit Rathaus und ein sehenswertes Palmenhaus. Bekannt ist die Stadt aus einem anderen Grund: Am 31. August 1939 täuschten SS-Angehörige einen polnischen Überfall auf die Rundfunkstation vor. Diese Inszenierung diente dem nationalsozialistischen Deutschland als Vorwand für den Überfall auf Polen am nächsten Morgen. Der hölzerne Sendeturm steht noch, im Gebäude daneben informiert eine Ausstellung nüchtern über die Vorgänge.
Tschenstochau und Jasna Góra
Tschenstochau (Częstochowa) ist der wichtigste Wallfahrtsort Polens. Auf dem Hügel Jasna Góra gründeten Paulinermönche 1382 ein Kloster, in dem seither die Ikone der Schwarzen Madonna verwahrt wird. Ihre Bedeutung wuchs 1655, als die Anlage einer schwedischen Belagerung standhielt, was als Wendepunkt gedeutet wurde. Im August ziehen Fußwallfahrten aus dem ganzen Land hierher, manche über zwei Wochen unterwegs.
Auch wenn du mit Religion nichts anfangen kannst, lohnt der Besuch, weil du hier siehst, welche Rolle der Katholizismus in Polen spielt. Die Ikone wird nur zu bestimmten Zeiten enthüllt, dann öffnet sich unter Trompetenklang eine silberne Blende. Es gilt eine Kleiderordnung, während der Messen wird nicht besichtigt, und in der Kapelle wird nicht fotografiert. Rechne mit einem halben Tag, an großen Feiertagen mit sehr vielen Menschen.
Bielsko-Biała und Teschen
Bielsko-Biała im Süden entstand 1951 aus zwei Städten, die nur ein Fluss trennte: Bielsko gehörte zu Schlesien, Biała zu Kleinpolen. Beide lebten von Textilindustrie, und der Reichtum des 19. Jahrhunderts steht heute noch in Form von Prachtbauten, Villen und einem Stadttheater herum, weshalb der Ort sich gern Klein-Wien nennt. Über der Stadt liegt das Schloss der Fürsten Sułkowski, und in einem Studio am Rand entstanden die Zeichentrickfiguren, mit denen halb Polen aufgewachsen ist.
Teschen (Cieszyn) liegt direkt an der Grenze und ist seit 1920 geteilt: Das rechte Ufer der Olza gehört zu Polen, das linke als Český Těšín zu Tschechien. Über die Freundschaftsbrücke läufst du in zwei Minuten von einem Land ins andere. Auf dem Schlossberg steht die Rotunde des Heiligen Nikolaus aus dem 11. Jahrhundert, eines der ältesten Bauwerke Polens, das du auch auf dem 20-Złoty-Schein findest.
Die Beskiden
Der Süden der Region ist Gebirge. Der Schlesische Beskid und der Saybuscher Beskid sind Mittelgebirge mit bewaldeten Kämmen, Almen und Berghütten. Der höchste Gipfel des Schlesischen Beskids ist der Skrzyczne mit gut 1250 Metern, erreichbar per Sessellift ab Szczyrk oder zu Fuß in rund zwei bis drei Stunden. Auf der Barania Góra entspringt die Weichsel, die von hier über tausend Kilometer bis zur Ostsee fließt.
Wisła und Szczyrk sind die bekanntesten Bergorte, im Winter Skigebiete, im Sommer Ausgangspunkte für Wanderungen. Die Beskiden sind deutlich niedriger und sanfter als die Tatra und damit auch für Familien machbar. Mehr zu Routen und Ausrüstung steht unter Wandern in Polen. Ein guter Zwischenstopp auf dem Weg dorthin ist Pszczyna mit einem Schloss, dessen Innenräume zu den am besten erhaltenen des Landes gehören.
Anreise, Verkehr und Luft
Kattowitz liegt an der Autobahn A4 zwischen Breslau und Krakau und an der A1 nach Norden, auf Teilstücken wird Maut erhoben. Von Berlin sind es rund 580 Straßenkilometer. Der Flughafen Katowice liegt in Pyrzowice nördlich der Stadt. Züge fahren im dichten Takt nach Krakau, Warschau und Breslau. Innerhalb des Reviers verbindet ein weit verzweigtes Straßenbahnnetz die Städte miteinander, das ist die entspannteste Art, sich zwischen Kattowitz, Zabrze und Gleiwitz zu bewegen.
Achtung: Im Winter kann die Luftqualität in Oberschlesien schlecht sein, weil viele Haushalte noch mit Feststoffen heizen und sich die Belastung bei windstillem Wetter hält. Die amtlichen Messwerte stehen online und in den gängigen Wetter-Apps. Wenn du empfindlich reagierst, verleg das Programm an solchen Tagen unter Tage oder in die Berge, dort ist die Luft besser. Zwischen April und Oktober spielt das Thema kaum eine Rolle. Bezahlt wird in Złoty, nicht in Euro, Karte funktioniert überall, und am Terminal lehnst du die Abrechnung in Euro ab.
Klima und beste Reisezeit
In Kattowitz liegen die Höchstwerte im August im Mittel bei 25 Grad, im Juli bei knapp 25 Grad, im Januar bei 2 Grad mit Nachtwerten um minus 3 Grad. Tschenstochau liegt fast gleichauf. Deutlich nasser wird es in den Bergen: Bielsko-Biała verzeichnet im Juli im Mittel rund 132 Millimeter Niederschlag, im Mai rund 122, also gut das Doppelte des Flachlands.
Mai bis September ist die beste Zeit für Städte und Industrieerbe, wobei die Bergwerke wetterunabhängig sind und sich gerade an Regentagen anbieten, denn unter Tage ist es ohnehin kühl. Für Wanderungen in den Beskiden sind Juni bis Oktober am verlässlichsten, für Ski Januar und Februar.
Häufige Fragen
Lohnt sich Kattowitz für eine Städtereise?
Ja, wenn du keine Altstadt erwartest. Kattowitz punktet mit Architektur des 20. Jahrhunderts, der Kulturzone auf dem Gelände einer ehemaligen Grube und der Arbeitersiedlung Nikiszowiec. Dazu kommen Bergwerksmuseen in der Nachbarschaft, in die du mehrere hundert Meter unter Tage einfährst. Zwei Tage reichen für die Stadt, drei mit dem Industrieerbe im Umland.
Was ist Jasna Góra?
Ein Paulinerkloster in Tschenstochau, gegründet 1382, in dem die Ikone der Schwarzen Madonna verwahrt wird. Es ist der wichtigste Wallfahrtsort Polens, im August kommen Fußwallfahrten aus dem ganzen Land. Die Ikone wird nur zu bestimmten Zeiten enthüllt. Es gilt eine Kleiderordnung, während der Messen wird nicht besichtigt, in der Kapelle nicht fotografiert.
Kann man in Schlesien in ein echtes Bergwerk einfahren?
Ja, an mehreren Orten. Am bekanntesten ist die Zeche Guido in Zabrze, wo du mit dem Förderkorb in die Tiefe fährst und durch echte Abbaustrecken gehst. Der benachbarte Königin-Luise-Stollen wird teilweise mit dem Boot befahren. In Tarnowskie Góry liegt das Blei-Silber-Zink-Bergwerk, seit 2017 UNESCO-Welterbe. Unter Tage ist es kühl, nimm eine Jacke mit.
Ist die Luft in Oberschlesien schlecht?
Im Winter kann sie es sein. Viele Haushalte heizen noch mit Feststoffen, und bei windstillem Hochdruckwetter bleibt die Belastung in der Region hängen. Die Messwerte stehen online und in Wetter-Apps. Wer empfindlich ist, plant an solchen Tagen Museen, Bergwerke oder einen Ausflug in die Beskiden. Von April bis Oktober ist das Thema praktisch keins.
Wie kommt man in Schlesien ohne Auto voran?
Erstaunlich gut. Das Städteband um Kattowitz ist durch ein weit verzweigtes Straßenbahnnetz verbunden, dazu kommen Regional- und Fernzüge nach Tschenstochau, Bielsko-Biała, Krakau und Breslau. Tickets kaufst du am Automaten oder in der App, gezahlt wird in Złoty. Nur für die kleineren Orte in den Beskiden ist ein Auto klar praktischer.
Wann ist die beste Reisezeit für die Beskiden?
Juni bis Oktober zum Wandern, Januar und Februar zum Skifahren. Die Berge sind niedriger und sanfter als die Tatra und auch mit Kindern machbar. Rechne mit deutlich mehr Regen als im Flachland: In Bielsko-Biała fallen im Juli im Mittel rund 132 Millimeter. Gewitter ziehen im Sommer meist am Nachmittag auf, starte also früh.






