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Jüdisches Erbe in Polen

Jüdisches Leben in Polen ist keine Fußnote der Geschichte des Landes, sondern ein Teil davon, und zwar über tausend Jahre hinweg. Vom Schutzbrief des Statuts von Kalisch aus dem Jahr 1264 bis 1939, als hier die größte jüdische Gemeinschaft Europas lebte, war Polen der wichtigste Ort jüdischer Kultur überhaupt. Die deutsche Besatzung hat diese Welt zerstört.

Diese Seite ordnet, was davon zu sehen ist: Synagogen, Friedhöfe, Museen und Gedenkstätten, dazu die Gemeinden, die es heute wieder gibt. Sie nennt auch die Regeln, die an diesen Orten gelten, denn viele davon sind Gebetshäuser und Begräbnisstätten und keine Ausflugsziele.

Jüdisches Erbe in Polen
Foto: Suicasmo, CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

Auf einen Blick

  • Erste SchutzurkundeStatut von Kalisch, 1264
  • Jüdische Bevölkerung 1939rund 3,3 Millionen, etwa jeder zehnte Einwohner
  • In der Shoah ermordetrund drei Millionen, etwa 90 Prozent
  • Zentrales MuseumPOLIN in Warschau, Dauerausstellung seit 2014
  • Älteste erhaltene SynagogeAlte Synagoge in Kazimierz, Krakau
  • Zeitbedarf Warschau und Krakauje 1 bis 2 Tage für die wichtigsten Orte

Tausend Jahre in Kürze

Die älteste erhaltene Beschreibung des polnischen Staates stammt von einem jüdischen Reisenden: Ibrahim ibn Jakub berichtete um 965 aus dem Reich Mieszkos I. Feste Gemeinden entstanden ab dem 12. und 13. Jahrhundert, oft von Menschen gegründet, die aus dem Rheinland und Böhmen vor Verfolgung flohen. 1264 sicherte Herzog Bolesław der Fromme ihnen im Statut von Kalisch Rechtsschutz, eigene Gerichtsbarkeit und Handelsfreiheit zu. Kasimir der Große bestätigte das 1334 für das ganze Königreich.

Daraus wurde über Jahrhunderte die größte jüdische Gemeinschaft der Welt. Zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert regelte mit der Vierländersynode ein eigenes Parlament die Angelegenheiten der Gemeinden; es tagte unter anderem in Lublin. In Kleinstädten von Galizien bis Podlachien entstand die Kultur, die man Schtetl nennt, im 18. Jahrhundert kam die chassidische Bewegung dazu, deren Grabstätten in Leżajsk und Góra Kalwaria bis heute Ziel von Pilgerfahrten sind.

1939 lebten rund 3,3 Millionen Jüdinnen und Juden in Polen, etwa jeder zehnte Einwohner. In Warschau war es fast ein Drittel der Stadtbevölkerung. Diese Zahlen sind der Maßstab, an dem alles zu messen ist, was danach kam.

Krakau: Kazimierz und Podgórze

Kazimierz wurde 1335 als eigene Stadt neben Krakau gegründet. Ab 1495 siedelte die jüdische Gemeinde hier, und über die folgenden Jahrhunderte entstand ein Viertel mit eigener Verwaltung, Schulen und sieben Synagogen, die alle noch stehen. Die Alte Synagoge ist der älteste erhaltene Synagogenbau Polens und heute Museum. In der Remuh-Synagoge wird weiter gebetet; daneben liegt der Friedhof des 16. Jahrhunderts mit dem Grab des Gelehrten Moses Isserles.

Dass in denselben Straßen abends Bars voll sind, ändert nichts daran, was dieser Ort ist. Kazimierz ist kein Ausgehviertel mit historischer Kulisse, sondern ein historischer Ort, in dem heute Bars stehen. Wer nur zum Essen kommt, verpasst die Substanz.

Südlich der Weichsel richtete die deutsche Besatzung 1941 in Podgórze das Getto ein und liquidierte es 1943. Am Plac Bohaterów Getta stehen dafür leere Stühle aus Metall. Gleich daneben liegen die Apotheke unter dem Adler, deren Betreiber Tadeusz Pankiewicz als einziger Nichtjude im Getto blieb, und die frühere Emaillefabrik von Oskar Schindler, heute ein Museum über die Besatzungszeit; mehr dazu unter Schindlers Fabrik.

Warschau: das Museum, die Synagoge, die Leerstelle

Das POLIN, Museum der Geschichte der polnischen Juden, steht auf dem Boden des ehemaligen Gettos, gegenüber dem Denkmal der Gettohelden. Seine Dauerausstellung erzählt tausend Jahre und macht dabei genau das, was zu selten passiert: Sie zeigt jüdisches Leben, nicht nur jüdisches Sterben. Drei Stunden sind das Minimum.

Von der Vorkriegsstadt ist wenig übrig. Die Nożyk-Synagoge ist die einzige erhaltene Synagoge Warschaus und wieder in Gebrauch. Der Friedhof an der ulica Okopowa, 1806 angelegt, gehört mit weit über hunderttausend Gräbern zu den größten jüdischen Friedhöfen Europas und wirkt wie ein Wald aus Stein. Die Gedenkorte des Gettos, vom Umschlagplatz bis zu den Mauerresten in Hinterhöfen, sind auf der Seite Gedenkorte des Warschauer Gettos zusammengestellt.

Der Osten: Tykocin, Białystok, Lublin

In Tykocin nordwestlich von Białystok steht eine Barocksynagoge von 1642, eine der größten und besterhaltenen des Landes, mit bemalten Gebetstexten an den Wänden. Sie ist Museum, denn die Gemeinde, die sie gebaut hat, gibt es nicht mehr: Im August 1941 wurden die jüdischen Einwohner der Stadt im nahen Wald von Łopuchowo erschossen. Die Region steht unter Podlachien.

Lublin war jahrhundertelang ein Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit, hier eröffnete 1930 die Jeschiwa Chachmei Lublin. Vom jüdischen Viertel unterhalb des Schlosses ist nichts erhalten, an seiner Stelle liegen heute ein Platz und eine Straße. Das Grodzka-Tor arbeitet als Kulturzentrum genau diese Leerstelle auf, mit Namen, Fotos und Tonaufnahmen. Am Stadtrand liegt die Gedenkstätte Majdanek.

Łódź und Breslau

In Łódź richtete die Besatzung 1940 das Getto Litzmannstadt ein, das länger bestand als jedes andere. Am Bahnhof Radegast, von dem aus deportiert wurde, erinnert heute eine Gedenkstätte daran. Der jüdische Friedhof der Stadt gehört zu den größten Europas und enthält das sogenannte Gettofeld mit tausenden Gräbern aus den Jahren der Besatzung.

In Breslau (Wrocław) überstand die Synagoge zum Weißen Storch von 1829 den Novemberpogrom 1938, weil ein Brand in dem dicht bebauten Hof die Nachbarhäuser gefährdet hätte. Heute wird sie wieder genutzt und ist Mittelpunkt einer aktiven Gemeinde.

Die Vernichtung

Rund drei Millionen polnische Jüdinnen und Juden wurden in der Shoah ermordet, etwa neunzig Prozent der Vorkriegsbevölkerung. Die deutschen Vernichtungslager Chełmno, Bełżec, Sobibór, Treblinka, Majdanek und Auschwitz-Birkenau lagen im besetzten Polen, geplant und betrieben wurden sie von den deutschen Besatzern. Die Formulierung „polnisches Lager“ ist falsch; die UNESCO hat den Namen der Welterbestätte 2007 auf polnischen Antrag genau deshalb präzisiert.

Diese Orte sind Gedenkstätten, keine Sehenswürdigkeiten. Für Auschwitz-Birkenau bei Oświęcim ist der Eintritt frei, eine personalisierte Reservierung aber Pflicht, es gelten feste Verhaltens- und Gepäckregeln, und der Besuch wird erst ab vierzehn Jahren empfohlen. Plane dafür einen ganzen Tag und danach kein weiteres Programm. Die übrigen Orte sind auf der Seite Gedenkorte des Zweiten Weltkriegs zusammengefasst.

Zur Geschichte gehört auch, dass Polen unter den bei Yad Vashem geehrten Gerechten unter den Völkern die größte nationale Gruppe stellt, und dass auf Hilfe für Juden im besetzten Polen die Todesstrafe stand, auch für die Familie. Das Museum in Markowa im Karpatenvorland erzählt das am Beispiel der Familie Ulma, die dafür ermordet wurde. Beides nebeneinander stehen zu lassen, ohne das eine gegen das andere aufzurechnen, ist der ehrlichste Umgang mit dieser Geschichte.

Auf Friedhöfen und in Synagogen

Viele der Orte, die du besuchst, sind aktive Gebetshäuser oder Begräbnisstätten und keine Museen. Ein paar Regeln gelten überall.

Gut zu wissen: Männer bedecken auf jüdischen Friedhöfen und in Synagogen den Kopf; am Eingang liegen meist Kippot bereit. Auf Gräber tritt man nicht, Blumen legt man nicht ab, sondern einen kleinen Stein. Am Schabbat, also von Freitagabend bis Samstagabend, und an jüdischen Feiertagen sind viele Synagogen und Friedhöfe für Besucher geschlossen. Während eines Gottesdienstes wird nicht fotografiert.

Achtung: An Gedenkstätten gelten strengere Regeln als an anderen Orten, und sie sind nicht verhandelbar. Kein Essen und Trinken auf dem Gelände, keine Drohnen, keine Aufnahmen von sich selbst vor Baracken, Mauern oder Denkmälern. Auf einigen Geländen ist das Fotografieren in bestimmten Räumen ganz untersagt. Halte dich an die Hinweise am Eingang.

Jüdisches Leben heute

Nach 1945 blieb wenig, und die antisemitische Kampagne von 1968 vertrieb noch einmal einen großen Teil derer, die geblieben waren. Seit den neunziger Jahren gibt es dennoch wieder Gemeinden, vor allem in Warschau, Krakau, Breslau und Łódź, mit Synagogen, Schulen, Gemeindezentren und Menschen, die oft erst als Erwachsene von ihrer Herkunft erfuhren.

In Kazimierz findet seit Ende der achtziger Jahre jeden Sommer ein Festival jüdischer Kultur statt, das keine Rekonstruktion sein will, sondern lebendige Musik und Lehre nach Krakau holt. Wer sich dafür interessiert, sollte das POLIN vor Kazimierz besuchen: Danach liest sich das Viertel anders. Eine Einordnung der Stadt insgesamt steht unter Krakau.

Häufige Fragen

Welche Orte jüdischer Geschichte sollte man in Polen kennen?

In Warschau das POLIN-Museum, die Gedenkorte des Gettos und den Friedhof an der Okopowa. In Krakau das Viertel Kazimierz mit seinen sieben Synagogen und dem Remuh-Friedhof sowie das ehemalige Getto in Podgórze. Dazu die Barocksynagoge von Tykocin in Podlachien, der jüdische Friedhof und die Gedenkstätte Radegast in Łódź und die Gedenkstätten der deutschen Vernichtungslager.

Wie viele Juden lebten vor dem Krieg in Polen?

Rund 3,3 Millionen, etwa zehn Prozent der Bevölkerung und die größte jüdische Gemeinschaft Europas. In Warschau stellte sie fast ein Drittel der Einwohner, in vielen Kleinstädten Ostpolens die Mehrheit. Etwa neunzig Prozent dieser Menschen wurden in der Shoah ermordet. Heute leben in Polen wieder mehrere tausend Jüdinnen und Juden in aktiven Gemeinden.

Wie verhält man sich auf einem jüdischen Friedhof?

Männer bedecken den Kopf, oft liegen am Eingang Kippot bereit. Auf Gräber tritt man nicht, und statt Blumen legt man einen kleinen Stein auf den Grabstein. Am Schabbat und an jüdischen Feiertagen sind viele Friedhöfe geschlossen. Fotografieren ist meist erlaubt, während eines Gebets oder einer Beerdigung nicht.

Kann man Synagogen in Polen besichtigen?

Ja, viele sind zugänglich, einige als Museum wie die Alte Synagoge in Krakau oder die Synagoge von Tykocin, andere als aktive Gebetshäuser wie die Remuh-Synagoge, die Nożyk-Synagoge in Warschau und die Synagoge zum Weißen Storch in Breslau. Angemessene Kleidung ist selbstverständlich, Männer bedecken den Kopf. Von Freitagabend bis Samstagabend sind die meisten für Besucher geschlossen.

Warum ist der Begriff „polnisches Lager“ falsch?

Weil er Täterschaft verschiebt. Die Vernichtungslager lagen im von Deutschland besetzten Polen, geplant, gebaut und betrieben wurden sie von den deutschen Besatzern. Polen existierte als Staat zu diesem Zeitpunkt nicht. Die UNESCO hat den Namen der Welterbestätte 2007 deshalb zu „Auschwitz Birkenau, deutsches nationalsozialistisches Konzentrations- und Vernichtungslager“ präzisiert.

Gibt es heute wieder jüdisches Leben in Polen?

Ja. In Warschau, Krakau, Breslau und Łódź bestehen Gemeinden mit Synagogen, Gemeindezentren und Schulen. Viele Mitglieder haben ihre Herkunft erst als Erwachsene erfahren, weil sie in Familien aufwuchsen, die nach 1945 und nach der antisemitischen Kampagne von 1968 schwiegen. Das Festival jüdischer Kultur in Kazimierz findet seit Ende der achtziger Jahre statt.