Auf einen Blick
- WoiwodschaftŁódź (łódzkie), Hauptstadt Łódź
- Lagegeografische Mitte Polens
- PrägungTextilindustrie seit den 1820er Jahren
- BesonderheitFilmhochschule Łódź, gegründet 1948
- Ideale Dauer2 bis 3 Tage
- Beste ReisezeitApril bis Oktober, Museen ganzjährig
Warum die Region trotzdem interessant ist
Wer Polen über Krakau, Danzig und Breslau kennenlernt, sieht vor allem Altstädte. Łódź zeigt das andere Polen: Industrie, Migration, Aufstieg und Absturz. Die Stadt hat keine Burg und keinen Ring aus Bürgerhäusern, dafür Fabrikhallen, Arbeitersiedlungen und Fabrikantenpaläste, die dicht nebeneinanderstehen. Diese Mischung findest du in dieser Dichte nirgends sonst im Land.
Zwei bis drei Tage reichen für die Region. Einen für Łódź selbst, einen für die Fabrikviertel und die Erinnerungsorte, einen für einen Ausflug ins Umland. Wer von Warschau nach Breslau fährt, kann Łódź ohne Umweg dazwischenschieben.
Łódź: eine Stadt aus Stoff
Bis 1820 war Łódź ein Ackerbürgerstädtchen mit wenigen hundert Einwohnern. Dann bestimmte die Verwaltung des damaligen Königreichs Polen den Ort zur Industriesiedlung, und Weber, Spinner und Unternehmer zogen zu, viele aus deutschen und böhmischen Gebieten. Innerhalb eines Jahrhunderts wuchs die Stadt auf über eine halbe Million Menschen. Heute leben rund 650.000 hier.
Die vier Gruppen, die die Stadt aufbauten, waren Polen, Deutsche, Juden und Russen. Ihre Kirchen, Synagogen und Friedhöfe liegen bis heute im Stadtgebiet, und ein Festival erinnert jedes Jahr an diese Vergangenheit. Nach 1989 brach die Textilindustrie weg, die Stadt verlor Einwohner und viele Häuser standen leer. Was du siehst, ist eine Stadt mitten im Umbau.
Piotrkowska, Paläste und Manufaktura
Die Ulica Piotrkowska ist die Hauptachse, gut vier Kilometer schnurgerade, gesäumt von Häusern der Gründerzeit. Große Teile sind Fußgängerzone, im Boden stecken Sterne für polnische Filmleute. Nach Norden endet die Straße an der Manufaktura, dem früheren Fabrikkomplex von Izrael Poznański, der zu Kultur- und Einkaufsflächen umgebaut wurde. Das Wohnhaus der Familie daneben ist heute Stadtmuseum, ein Palast, der bewusst nach Größe aussehen sollte.
Ein Stück weiter südlich liegt Księży Młyn, die Fabrikstadt von Karol Scheibler: Spinnerei, Arbeiterhäuser in langen Backsteinreihen, Schule, Krankenhaus und Villa in einem Zug geplant. Wer verstehen will, wie Industriearbeit im 19. Jahrhundert organisiert war, geht hierher und nicht ins Museum.
Filmstadt Łódź
1948 wurde in Łódź die staatliche Film-, Fernseh- und Theaterhochschule gegründet, weil Warschau in Trümmern lag. Sie ist bis heute die wichtigste Filmschule Polens, Andrzej Wajda, Roman Polański und Krzysztof Kieślowski haben hier studiert. Das Kinematografiemuseum sitzt im früheren Palast Scheiblers und zeigt Technik, Plakate und Ausstattungsstücke.
Dazu kommt das Kulturzentrum EC1 in einem umgebauten Kraftwerk, mit Planetarium und naturwissenschaftlicher Ausstellung. Für Familien ist das der stärkste Punkt der Stadt, mehr Ideen dazu findest du unter Polen mit Kindern.
Litzmannstadt: die Erinnerung an das Getto
Im Zweiten Weltkrieg wurde Łódź vom Deutschen Reich annektiert und in Litzmannstadt umbenannt. Die deutsche Besatzung richtete 1940 im Norden der Stadt ein Getto ein, das nach Warschau das zweitgrößte im besetzten Polen war und bis 1944 bestand. Vom Bahnhof Radegast fuhren die Transporte in die Vernichtungslager ab.
Heute stehen dort ein Denkmal und eine Ausstellung, die Bahnsteige sind erhalten. Der jüdische Friedhof an der Ulica Bracka ist einer der größten Europas, in seinem sogenannten Gettofeld liegen Tausende Gräber ohne Namen. Das sind Gedenkorte, keine Sehenswürdigkeiten: keine Führung im Vorbeigehen, angemessene Kleidung, kein Lärm. Einordnung findest du unter Gedenkorte des Zweiten Weltkriegs und unter jüdisches Erbe in Polen.
Gut zu wissen: Die Erinnerungsorte in Łódź liegen weit auseinander, zwischen Radegast, Friedhof und Innenstadt fährst du jeweils zwanzig Minuten mit der Tram. Plane sie als eigenen halben Tag ein und nicht als Anhängsel an einen Einkaufsbummel auf der Piotrkowska.
Łowicz, Nieborów und Arkadia
Eine Stunde nordöstlich liegt Łowicz, bekannt für seine gestreiften Trachten und für die Fronleichnamsprozession, bei der die Trachten tatsächlich getragen werden und nicht nur im Museum hängen. Der Marktplatz ist dreieckig, die Stiftskirche birgt die Grabmäler mehrerer Erzbischöfe.
Wenige Kilometer weiter stehen zwei Anlagen, die zusammengehören: der Barockpalast Nieborów der Familie Radziwiłł mit Bibliothek und Möbeln im Original und daneben Arkadia, ein romantischer Landschaftsgarten aus dem späten 18. Jahrhundert mit künstlichen Ruinen, Tempel und Teich. Für einen Nachmittag ist das die schönste Kombination der Region.
Die Mitte des Landes und was sonst noch da ist
In Piątek nördlich von Łódź steht ein Obelisk, der den geometrischen Mittelpunkt Polens markiert. In Tum bei Łęczyca steht eine romanische Stiftskirche aus dem 12. Jahrhundert, ein wuchtiger Bau aus Granitquadern, wie es ihn in Polen nur wenige gibt. Uniejów hat eine Burg der Erzbischöfe und Thermalbäder, gespeist aus heißem Tiefenwasser.
Ehrlich bleiben muss man beim Süden der Region: Bei Bełchatów liegt der größte Braunkohletagebau Polens mit dem zugehörigen Kraftwerk. Das ist keine Ferienlandschaft, aber ein Blick auf die Energiewirtschaft des Landes. Die Abraumhalde daneben dient im Winter als Skiberg, was ziemlich genau erklärt, wie diese Region mit dem umgeht, was sie hat.
Anreise und Herumkommen
Der Bahnhof Łódź Fabryczna liegt unterirdisch mitten im Zentrum, Züge nach Warschau brauchen rund anderthalb Stunden. Auch Breslau, Posen und Krakau sind gut erreichbar, Details zum Netz stehen unter Polen mit dem Zug. In der Stadt selbst fährst du am besten Tram, das Netz ist dicht und billig.
Bezahlt wird in Złoty, nicht in Euro. Karte funktioniert überall, auch im Ticketautomaten der Tram. Lehne am Terminal die Abrechnung in Euro ab. Wer mit dem Auto kommt, findet in der Innenstadt bewirtschaftete Zonen und viele enge Einbahnstraßen, stell den Wagen besser am Rand ab.
Beste Reisezeit
Łódź ist eine Ganzjahresstadt, weil das meiste drinnen stattfindet: Museen, Fabrikhallen, Planetarium. Von April bis Oktober ist die Piotrkowska angenehm zu Fuß, im Sommer sitzen die Leute abends draußen in den umgebauten Höfen. Im Winter ist es grau und früh dunkel, dafür sind Museen und Unterkünfte leer.
Für Nieborów, Arkadia und Łowicz brauchst du die grüne Jahreszeit, ein Landschaftsgarten im November ist nur die halbe Sache. Wer die Fronleichnamsprozession in Łowicz sehen will, plant für den Feiertag im Frühsommer und bucht früh, denn der Ort ist klein und das Interesse groß. Die Region Masowien nebenan lässt sich gut anschließen.
Häufige Fragen
Lohnt sich Łódź als Reiseziel?
Ja, wenn dich Industriegeschichte, Architektur des 19. Jahrhunderts und Stadtumbau interessieren. Wer klassische Altstädte sucht, ist in Krakau oder Danzig besser aufgehoben. Łódź punktet mit der Piotrkowska, den Fabrikkomplexen Manufaktura und Księży Młyn, dem Kinematografiemuseum und einer sehr ehrlichen Mischung aus renoviert und unrenoviert.
Wie viele Tage braucht man für Łódź und Umgebung?
Zwei bis drei Tage. Einen Tag für Piotrkowska, Manufaktura und Stadtmuseum, einen halben für Księży Młyn, einen halben für die Erinnerungsorte des Gettos und einen für Łowicz mit Nieborów und Arkadia. Als Zwischenstopp zwischen Warschau und Breslau reicht auch eine Übernachtung.
Was hat Łódź mit Film zu tun?
Hier steht seit 1948 die staatliche Film-, Fernseh- und Theaterhochschule, die wichtigste Filmschule Polens. Andrzej Wajda, Roman Polański und Krzysztof Kieślowski haben dort studiert. Sichtbar wird das im Kinematografiemuseum im früheren Palast der Fabrikantenfamilie Scheibler und in den Sternen im Pflaster der Piotrkowska.
Kann man das Getto Litzmannstadt besichtigen?
Das Getto selbst existiert nicht mehr, die Straßenzüge im Norden der Stadt stehen aber noch. Zentrale Gedenkorte sind der Bahnhof Radegast mit erhaltenen Bahnsteigen und Ausstellung sowie der jüdische Friedhof mit dem Gettofeld. Es handelt sich um Gedenkorte mit Verhaltensregeln, nicht um Sehenswürdigkeiten. Plane dafür einen eigenen halben Tag.
Wie kommt man von Warschau nach Łódź?
Mit dem Zug in rund anderthalb Stunden bis Łódź Fabryczna, einem unterirdischen Bahnhof mitten im Zentrum. Es fahren mehrere Verbindungen am Tag, Tickets kaufst du online oder am Automaten, bezahlt wird in Złoty. Mit dem Auto sind es über die Autobahn ähnlich lange, allerdings mit Mautabschnitten.





