Stadt in Polen · Schlesien

Kattowitz: vom Kohlerevier zur Kulturstadt

Kattowitz, polnisch Katowice, ist die Hauptstadt der Woiwodschaft Schlesien und der Kern eines Ballungsraums mit rund zwei Millionen Menschen. Eine mittelalterliche Altstadt hat sie nicht, und sie konnte auch keine haben: Das Stadtrecht kam erst 1865, groß wurde Katowice mit Kohle, Stahl und Eisenbahn. Wer hier eine Kulisse wie in Krakau sucht, fährt am besten gleich weiter.

Wer dagegen sehen will, wie eine Industrieregion sich selbst umbaut, findet in Kattowitz das beste Beispiel Polens. Auf dem Gelände einer stillgelegten Grube stehen heute ein Konzerthaus, ein Museum und ein Kongresszentrum, daneben eine Arena in Form einer fliegenden Untertasse. Und am Stadtrand liegt eine Arbeitersiedlung aus rotem Ziegel, die zum Schönsten gehört, was das 20. Jahrhundert in Polen gebaut hat.

Kattowitz: vom Kohlerevier zur Kulturstadt
Foto: Robert Danieluk, CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

Auf einen Blick

  • WoiwodschaftSchlesien (Śląskie), Hauptstadt
  • Polnischer NameKatowice, nur diese Form steht auf Fahrkarte und Schild
  • Einwohnerrund 285.000, Ballungsraum rund 2 Millionen
  • Stadtrechtseit 1865, gewachsen mit Kohle und Stahl
  • SpodekMehrzweckhalle von 1971, Wahrzeichen der Stadt
  • Ideale Dauer1 bis 2 Tage, mit Ausflügen 3

Warum sich Kattowitz lohnt

Diese Stadt verkauft keine Vergangenheit, sondern zeigt einen Umbau, der noch läuft. Innerhalb von zwanzig Jahren ist aus dem Zentrum des Kohlereviers eine Stadt mit einem der besten Konzertsäle Europas geworden, ohne dass die Kohle verschwunden wäre. Beides steht nebeneinander, und genau das macht den Besuch interessant.

Der zweite Grund ist die Lage. Von Kattowitz aus erreichst du in einer Stunde Tschenstochau, in gut einer Stunde Krakau, in vierzig Minuten die Beskiden und in einer halben Stunde Gleiwitz. Als Basis für die ganze Region funktioniert die Stadt besser als jeder andere Ort in Oberschlesien, und die Hotelpreise liegen unter denen von Krakau.

Spodek: die fliegende Untertasse

Der Spodek ist 1971 eröffnet worden und heißt so, weil er aussieht wie eine Untertasse, die jemand schräg auf die Wiese gelegt hat. Auf Polnisch bedeutet spodek genau das. Die Halle hängt an einem Speichenradsystem aus Stahlseilen, eine für die späten sechziger Jahre technisch waghalsige Konstruktion, gebaut auf einer Abraumhalde. Innen finden Konzerte, Spiele und Messen statt, außen ist die Halle der Treffpunkt der Stadt.

Von innen siehst du den Spodek nur mit Ticket für eine Veranstaltung, von außen lohnt der Gang um das Gebäude auch so. Dahinter beginnt die Kulturzone, der Weg dorthin führt über die breite Aleja Korfantego, benannt nach Wojciech Korfanty, dem Anführer der schlesischen Aufstände.

Die Kulturzone auf der alten Grube

Nördlich des Zentrums lag die Grube Katowice. Nach der Schließung ist auf dem Gelände die Strefa Kultury entstanden, drei große Neubauten auf altem Bergbaugrund. Der Konzertsaal des Polnischen Rundfunk-Sinfonieorchesters, kurz NOSPR, wurde 2014 eröffnet und gilt akustisch als einer der besten Säle des Kontinents; von außen ein zurückhaltender Ziegelblock, innen ein Holzsaal mit Rängen ringsum.

Daneben steht das Schlesische Museum, das 2015 aufgemacht hat und fast vollständig unter der Erde liegt. Über dem Boden stehen nur gläserne Lichtschächte, hinunter geht es in vier Ebenen mit der Geschichte, der Kunst und dem Alltag der Region. Der alte Förderturm der Grube dient als Aussichtsturm mit Aufzug. Dritter Bau ist das Internationale Kongresszentrum mit einem begehbaren Dach, das sich wie ein Tal durch das Gebäude senkt. Das ist der beste Punkt für ein Bild vom Spodek.

Tipp: Plane das Schlesische Museum nicht als schnellen Rundgang. Die Dauerausstellung zur Geschichte Oberschlesiens erklärt in zwei Stunden, warum diese Region vier Mal die Staatszugehörigkeit gewechselt hat und was das für die Menschen bedeutete. Ohne diesen Kontext bleiben Nikiszowiec und die Zechen bloß hübsche Ziegelfassaden.

Nikiszowiec: das Ziegelviertel

Rund sechs Kilometer östlich des Zentrums liegt Nikiszowiec, eine Bergarbeitersiedlung, die zwischen 1908 und 1918 für die Grube Giesche gebaut wurde. Die Architekten Emil und Georg Zillmann planten neun geschlossene Blöcke aus rotem Ziegel, jeweils um einen begrünten Innenhof, dazu Kirche, Waschhaus, Läden und Verwaltung. Es gibt keinen einzigen Vorgarten und trotzdem wirkt das Viertel wohnlich, weil die Höfe die Arbeit des Vorgartens übernehmen.

Nikiszowiec ist bis heute bewohnt. Du läufst also durch die Wohngegend anderer Leute, nicht durch ein Freilichtmuseum. Seit 2011 steht die Siedlung als Denkmal der Geschichte unter besonderem Schutz, für die Welterbeliste der UNESCO ist sie angemeldet. Am zentralen Platz gibt es eine Filiale des Stadtmuseums und ein paar Lokale. Die Schwestersiedlung Giszowiec, eine Gartenstadt derselben Architekten, wurde in den sechziger und siebziger Jahren zum großen Teil abgerissen.

Kohle ehrlich

Oberschlesien hat mit Kohle gelebt und leidet an ihr. 2018 schloss mit Wieczorek eine der bekanntesten Gruben im Stadtgebiet, gefördert wird in Kattowitz und im Umland weiterhin, und der Ausstieg ist politisch beschlossen, aber weit weg. Bergbau bedeutete Arbeit, Wohnung und Status, er bedeutete auch Bergschäden, Halden und im Winter dicke Luft, wenn in älteren Häusern noch mit Kohle geheizt wird. Wer empfindlich ist, schaut zwischen November und März auf die Messwerte, im Sommer spielt das Thema keine Rolle.

Sehen kannst du den Bergbau am besten unter Tage. In Zabrze, zwanzig Kilometer westlich, fährst du in der Grube Guido mit dem Förderkorb mehrere hundert Meter hinunter und läufst durch echte Strecken. In Tarnowskie Góry nördlich der Stadt steht das Blei-Silber-Zink-Bergwerk mit seinem Wassersystem seit 2017 auf der Welterbeliste, dort geht es teilweise mit dem Boot durch die Stollen. Beides gehört zur Route der Industriedenkmäler, dem Szlak Zabytków Techniki. Mehr Welterbe in Polen findest du unter UNESCO-Welterbe.

Gut zu wissen: Oberschlesien war nie eindeutig polnisch oder deutsch. Nach der Volksabstimmung von 1921 und den schlesischen Aufständen wurde die Region geteilt, Kattowitz kam 1922 zu Polen, Gleiwitz blieb bis 1945 deutsch. Viele Familien hier sprechen einen eigenen schlesischen Dialekt und rechnen sich weder der einen noch der anderen Seite zu. Das Schlesische Museum erzählt diese Geschichte ohne Schlagseite.

Zentrum, Architektur, Abende

Das Zentrum ist Nachkriegsstadt mit Vorkriegsresten. Am neu gestalteten Rynek treffen die Straßenbahnlinien aufeinander, ein paar Schritte weiter steht der Drapacz Chmur von 1934, ein vierzehngeschossiges Stahlskeletthochhaus, das vor dem Krieg zu den höchsten Gebäuden Polens gehörte. Aus der Gegenrichtung grüßt die Superjednostka, ein Wohnblock von 1972 mit rund achthundert Wohnungen in einem einzigen Riegel.

Für den Abend gehst du in die Ulica Mariacka, eine Fußgängerstraße mit Bars, an deren Ende die neugotische Marienkirche steht. Das ist keine Postkartenkulisse, sondern die Ausgehstraße einer Großstadt, entsprechend laut. Wer es ruhiger mag, sucht sich etwas rund um die Kulturzone.

Anreise, Verkehr, Klima und Bezahlen

Der Bahnhof Katowice liegt mitten im Zentrum und ist einer der wichtigsten Knoten des Landes: Krakau in gut einer Stunde, Warschau in etwa zweieinhalb, Breslau in rund drei Stunden. Der Flughafen liegt in Pyrzowice rund dreißig Kilometer nördlich, angebunden mit Bussen. In der Region fahren die Schlesischen Straßenbahnen, eines der größten zusammenhängenden Straßenbahnnetze Europas, das mehrere Städte miteinander verbindet. Mit dem Auto bist du über die A4 und die A1 schnell da, auf Teilen der Autobahnen wird Maut erhoben, tagsüber ist Licht Pflicht und seit 2021 haben Fußgänger am Zebrastreifen Vorrang.

Das Klima ist mild für polnische Verhältnisse. Im Januar liegt der Tageshöchstwert im Mittel bei 2 Grad, nachts bei etwa minus 3 Grad. Juli und August erreichen rund 25 Grad und sind mit fast 90 Millimetern zugleich die nassesten Monate, der März ist mit gut 40 Millimetern der trockenste. Die beste Zeit für die Stadt und für Ausflüge in die Beskiden ist Mai bis September.

Achtung: Bezahlt wird in Złoty, nicht in Euro. Karte funktioniert in Kattowitz praktisch überall, auch für Kleinbeträge und im Nahverkehr. Bietet dir das Terminal oder der Geldautomat die Abrechnung in Euro an, lehne ab und wähle Złoty, sonst zahlst du einen schlechten Kurs. Alles Weitere dazu steht unter Bezahlen in Polen.

Ausflüge und ein ernster Hinweis

Von Kattowitz aus sind viele Ziele nah: Bielsko-Biała und die Beskiden im Süden, die Jura mit ihren Burgruinen im Norden, Krakau im Osten. Rund dreißig Kilometer südöstlich liegt Oświęcim mit der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Der Besuch ist reservierungspflichtig, es gelten feste Verhaltens- und Gepäckregeln, und für Kinder unter vierzehn Jahren wird er nicht empfohlen. Plane dafür einen ganzen Tag ohne Anschlussprogramm ein.

Klima und Anreise auf einen Blick

Gerade in Kattowitz17°Cüberwiegend klar
  • Wärmster MonatAugust, 25 °C
  • Kühlster MonatJanuar, -3 °C
  • Trockenster MonatMärz
  • Höhe276 m

Temperatur Tag und Nacht, in Grad Celsius

2°-3°J
5°-2°F
9°0°M
14°4°A
18°9°M
23°14°J
25°15°J
25°16°A
20°11°S
15°7°O
8°2°N
4°-1°D

Regen Millimeter und Regentage pro Monat

54mm13 TageJ
59mm12 TageF
43mm11 TageM
57mm11 TageA
70mm12 TageM
73mm12 TageJ
86mm14 TageJ
89mm11 TageA
80mm12 TageS
62mm11 TageO
54mm10 TageN
54mm12 TageD

Entfernung ab deutschen Städten

AbLuftlinieÜber Land ca.
Berlin464 km580 km, 7 Std. 15 Min.
München590 km740 km, 9 Std. 15 Min.
Hamburg719 km900 km, 11 Std. 15 Min.
Stuttgart729 km910 km, 11 Std. 30 Min.
Frankfurt736 km920 km, 11 Std. 30 Min.
Köln854 km1.070 km, 13 Std. 15 Min.
Düsseldorf867 km1.080 km, 13 Std. 30 Min.

Monatswerte sind Durchschnitte der Jahre 2015 bis 2024, berechnet aus der ERA5-Reanalyse von Copernicus, bereitgestellt über Open-Meteo (CC BY 4.0). Die aktuelle Temperatur liefert das Meteorologische Institut Norwegen (CC BY 4.0). Die Luftlinie ist aus den Koordinaten berechnet. Die Werte für die Strecke über Land sind daraus geschätzt und ersetzen keine Routenplanung.

Städte in der Nähe

StadtEntfernungMit dem Auto etwa
Gleiwitz25 km30 km, 0 Std. 15 Min.
Oświęcim28 km40 km, 0 Std. 30 Min.
Bielsko-Biała49 km60 km, 0 Std. 45 Min.
Wadowice54 km70 km, 0 Std. 45 Min.
Tschenstochau60 km80 km, 0 Std. 45 Min.
Teschen63 km80 km, 1 Std. 0 Min.

Entfernungen sind Luftlinie, die Fahrzeit ist aus der Straßenentfernung geschätzt und hängt von Route und Verkehr ab.

Häufige Fragen

Lohnt sich Kattowitz für einen Städtetrip?

Ja, wenn dich Industriegeschichte, Architektur des 20. Jahrhunderts und Stadtumbau interessieren. Die Kulturzone auf der alten Grube, der Spodek und die Ziegelsiedlung Nikiszowiec tragen ein bis zwei Tage. Eine historische Altstadt gibt es nicht, dafür kam das Stadtrecht zu spät. Wer Gassen und Bürgerhäuser sucht, ist in Krakau oder Breslau besser aufgehoben.

Was ist der Spodek in Katowice?

Eine Mehrzweckhalle von 1971, deren Dach an Stahlseilen hängt und die dadurch aussieht wie eine schräg abgelegte Untertasse. Spodek heißt auf Polnisch genau das. Sie steht auf einer früheren Abraumhalde und wird bis heute für Konzerte, Sportveranstaltungen und Messen genutzt. Ins Innere kommst du nur mit Ticket für eine Veranstaltung, von außen ist sie frei zugänglich.

Kann man Nikiszowiec besichtigen?

Ja, das Viertel ist frei zugänglich, aber es ist bewohnt. Du läufst durch die Straßen und Höfe einer normalen Wohnsiedlung, also ohne Blick in Fenster und ohne Lärm. Am zentralen Platz gibt es eine Abteilung des Stadtmuseums, eine Kirche und einige Lokale. Für den Rundgang reichen ein bis zwei Stunden, mit der Straßenbahn oder dem Bus bist du in gut zwanzig Minuten dort.

Wird in Kattowitz noch Kohle gefördert?

Ja. 2018 schloss mit Wieczorek eine der bekanntesten Gruben, gefördert wird im Stadtgebiet aber weiterhin. In den Nachbarstädten der Region wird ebenfalls gefördert, und die Kohle prägt Wirtschaft und Alltag nach wie vor. Sichtbar ist der Bergbau vor allem in den Siedlungen, den Fördertürmen und den Museen, etwa in der Grube Guido in Zabrze und im Welterbe-Bergwerk von Tarnowskie Góry.

Ist die Luft in Kattowitz schlecht?

Im Winter kann sie belastet sein, weil in älteren Häusern der Region noch mit Kohle geheizt wird und sich die Luft bei Inversionswetter staut. Die amtlichen Messwerte stehen online und in den gängigen Wetter-Apps. Zwischen April und Oktober ist das kein Thema. Wer empfindlich reagiert, legt bei schlechten Werten mehr Programm in Museen und Innenräume.

Wie kommt man von Kattowitz nach Krakau?

Mit dem Zug in gut einer Stunde, die Verbindung ist dicht getaktet und die schnellste Variante. Mit dem Auto fährst du über die A4 rund achtzig Kilometer, dort wird auf Teilstücken Maut erhoben, und in Krakau gilt eine Umweltzone. Buslinien fahren ebenfalls. Für einen Tagesausflug in beide Richtungen reicht die Verbindung bequem aus.