Region in Polen

Die Masurische Seenplatte

Masuren im Nordosten Polens ist eine von der Eiszeit geformte Landschaft aus Seen, Wäldern und Hügeln. Die Zahl der Gewässer geht in die Tausende, die größten sind durch Kanäle und Schleusen zu einer durchgehenden Wasserstraße verbunden. Deshalb ist Segeln hier kein Nischensport, sondern die Art, wie sich die Gegend erschließt.

An Land findest du Backsteinkirchen, ein Barockwallfahrtsziel mit beweglicher Orgel, eine Festung aus preußischer Zeit und einige der ruhigsten Straßen des Landes. Dazu gehört die Geschichte: Masuren war bis 1945 der südliche Teil Ostpreußens, mit der Grenzverschiebung wechselten Staat und Bevölkerung fast vollständig. Beides prägt die Region bis heute.

Die Masurische Seenplatte
Foto: Wusel007, CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons

Auf einen Blick

  • WoiwodschaftErmland-Masuren, Hauptstadt Olsztyn (Allenstein)
  • Größter SeeŚniardwy (Spirdingsee), größter See Polens
  • WasserstraßeGroße Masurische Seen mit Kanälen und Schleusen
  • HauptsaisonJuli und August, kurz und intensiv
  • Ideale Dauer7 bis 10 Tage
  • Beste ReisezeitJuni und September

Was Masuren ausmacht

Die Landschaft ist das Werk der letzten Eiszeit: Der Gletscher hinterließ Rinnen, Mulden und Moränenhügel, die vollliefen. Heute liegen die Seen wie Perlen an einer Kette, dazwischen Kiefernwald, Felder und Alleen aus alten Bäumen. Es gibt keine großen Städte, keine Berge und keine berühmten Museen. Der Reiz ist Wasser, Weite und Tempo.

Für einen ersten Besuch brauchst du sieben bis zehn Tage, wenn Boot oder Kajak dazugehören. Wer nur zwei Nächte hat, sieht Mikołajki, macht eine Ausflugsfahrt und fährt wieder. Das ist zu wenig, um zu verstehen, warum viele Polen jedes Jahr wiederkommen.

Die Großen Masurischen Seen

Das Kernstück ist eine Kette schiffbarer Seen zwischen Węgorzewo im Norden und Pisz im Süden, verbunden durch Kanäle aus dem 19. Jahrhundert und mehrere Schleusen. Der größte See ist der Śniardwy, zugleich der größte See Polens. Er ist weit, aber flach, und genau das macht ihn heikel: Bei auffrischendem Wind stehen dort schnell kurze, steile Wellen.

Der zweitgrößte ist der Mamry im Norden. Dazwischen liegen Dutzende kleinerer Seen ohne Anschluss an die Hauptroute, oft ruhiger und für Kajak und Angeln interessanter. Wer mit dem Motorboot unterwegs ist, sollte wissen, dass auf einzelnen Gewässern Beschränkungen gelten.

Segeln: wie das praktisch läuft

Segeln ist in Polen Breitensport, und Masuren ist sein Zentrum. Vercharterer gibt es in fast jedem Hafen, vom kleinen Kielboot bis zur Kajütyacht mit Küche. Gebucht wird für eine Woche, samstags gewechselt, im Juli und August Monate im Voraus. Die Häfen liegen dicht genug, dass du jeden Abend einen ansteuern kannst, viele Buchten sind auch zum Ankern freigegeben.

Ob du einen Schein brauchst, hängt von Bootsgröße und Motorleistung ab. Kleine Boote darfst du in Polen ohne Patent führen, für größere Yachten verlangen die Vermieter einen Nachweis. Frag beim Vercharterer vorher nach, welche Papiere er akzeptiert, und klär gleich mit, ob eine Einweisung dabei ist. Mehr zum Ablauf findest du unter Segeln in Masuren.

Achtung: An den großen Seen stehen Masten mit Blinklichtern, die vor aufziehenden Böen warnen. Blinkt es, fährst du den nächsten Hafen oder eine geschützte Bucht an, statt die Überfahrt noch schnell zu machen. Auf dem flachen Śniardwy kann sich das Wasser innerhalb einer halben Stunde völlig verändern, und Rettung ist weit weg. Rettungsweste anlegen, bevor es ungemütlich wird.

Mikołajki und Giżycko

Mikołajki, auf Deutsch Nikolaiken, gilt als heimliche Hauptstadt Masurens. Der Ort ist klein, der Hafen groß, und im Sommer liegen die Boote in mehreren Reihen nebeneinander. Gleich daneben liegt der flache See Łuknajno, ein Schutzgebiet, in dem Hunderte Höckerschwäne mausern.

Giżycko, früher Lötzen, liegt auf der Landenge zwischen zwei großen Seen und hat zwei Sehenswürdigkeiten mit Technikcharme: eine Drehbrücke über den Kanal, die von Hand bewegt wird, und die preußische Feste Boyen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, deren Wallanlagen begehbar sind. Beide Orte sind im Hochsommer voll und im Mai fast leer.

Allenstein: das Tor zur Region

Olsztyn, deutsch Allenstein, ist mit rund 170.000 Einwohnern die größte Stadt der Woiwodschaft und der praktische Einstieg: Bahnhof, Flughafen in der Nähe, Mietwagen. In der Altstadt steht die Burg des ermländischen Domkapitels, in der Nikolaus Kopernikus zwischen 1516 und 1521 als Verwalter arbeitete und 1521 die Verteidigung der Stadt organisierte. An einer Wand hat er eine Tafel zur Bestimmung der Tagundnachtgleiche hinterlassen.

Die Stadt selbst ist keine Schönheit, aber angenehm: Fluss, Seen im Stadtgebiet, Studierende, gute Verbindungen in alle Richtungen. Für einen Regentag reicht sie gut aus.

Święta Lipka und die Kirchen

Święta Lipka, Heiligelinde, ist die bedeutendste Barockkirche des Nordostens und ein bis heute genutzter Wallfahrtsort. Berühmt ist die Orgel: Bei den Vorführungen bewegen sich Figuren am Gehäuse, Engel drehen sich und schlagen Glocken. Es ist eine aktive Kirche, während der Messe wird nicht besichtigt.

Rundherum stehen Dorfkirchen aus Backstein, viele davon aus dem Mittelalter, dazu evangelische Kirchen aus preußischer Zeit, die heute katholisch genutzt werden. Der Wechsel der Konfession nach 1945 ist an vielen Bauten ablesbar.

Kajak, Kanal und Krutynia

Wer nicht segeln will, paddelt. Die bekannteste Route führt über die Krutynia, einen klaren Flusslauf durch Wald und Schilf, den man in Etappen über rund hundert Kilometer befahren kann, mit Zeltplätzen und Gepäcktransport. Es ist eine ruhige, technisch einfache Strecke, im Hochsommer allerdings gut besucht.

Östlich schließt sich ein zweites Wasserrevier an: Augustów liegt am Augustów-Kanal, gebaut ab 1824, mit erhaltenen Schleusen aus Ziegel und Holz. Die Seen dort sind kleiner und die Boote weniger, wer Ruhe sucht, ist an dieser Ecke besser aufgehoben. Eine technische Kuriosität steht westlich der Seenplatte: Auf dem Oberländischen Kanal bei Elbląg werden Boote auf Rollwagen über Land gezogen, um Höhenunterschiede zu überwinden. Die Anlage stammt aus dem 19. Jahrhundert und ist bis heute in Betrieb.

Die Wolfsschanze

Bei Gierłoż in der Nähe von Kętrzyn liegen die Reste der Wolfsschanze, des Hauptquartiers Adolf Hitlers an der Ostfront. Hier verübte Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944 das Attentat, das scheiterte. Im Januar 1945 wurden die Bunker gesprengt, seither liegen Betonblöcke im Wald.

Das ist ein historischer Ort, kein Ausflugsziel. Es gilt, sich entsprechend zu verhalten: keine Inszenierung, keine Posen, kein Klettern auf den Trümmern. Führungen ordnen ein, was sonst nur nach Beton aussieht. Wer sich mit dem Thema befassen will, plant Zeit ein und liest vorher etwas dazu.

1945 und die Namen auf den Schildern

Bis 1945 gehörte diese Gegend zu Ostpreußen. Nach Kriegsende und der Verschiebung der Grenzen wurde sie polnisch, die deutsche Bevölkerung floh oder wurde vertrieben, angesiedelt wurden Menschen aus Zentralpolen und aus den Gebieten, die an die Sowjetunion fielen. Die masurische Bevölkerung, protestantisch und polnischsprachig, wanderte in den Jahrzehnten danach größtenteils ab.

Für dich als Reisenden heißt das praktisch: Deutsche Namen wie Nikolaiken, Lötzen oder Allenstein kennst du vielleicht, auf Wegweisern, Fahrkarten und in Navigationsgeräten stehen ausschließlich Mikołajki, Giżycko und Olsztyn. Präg dir die polnischen Formen ein, sonst suchst du am Automaten vergeblich. Den Überblick über die ganze Woiwodschaft gibt die Seite Ermland-Masuren.

Mücken, Hochsaison und der klassische Fehler

Zwei Dinge, die in Prospekten fehlen. Erstens: Es gibt hier viele Mücken, besonders an schilfigen Ufern, in Waldnähe und an windstillen Abenden im Juni und Juli. Ein Mittel gegen Insekten, lange Kleidung für den Abend und ein Moskitonetz für die Bootskajüte sind keine Übertreibung.

Zweitens: Die Saison ist kurz. Im Juli und August ist alles offen und alles voll, im September wird es schnell still, und von November bis April haben viele Betriebe geschlossen. Der klassische Fehler ist, im Hochsommer ohne Reservierung anzureisen und dann festzustellen, dass in Mikołajki kein Bett und im Hafen kein Platz frei ist.

Anreise und Klima

Mit dem Zug fährst du von Warschau nach Olsztyn in rund zweieinhalb bis drei Stunden, weiter in die Seenorte geht es mit Bus oder Auto. Ein Fahrzeug ist hier sinnvoll, weil die Wege zwischen den Orten lang und die Busverbindungen dünn sind. Die Alleen sind schmal, oft gepflastert und im Herbst rutschig, fahr entsprechend.

Das Klima ist kühl und kontinental. In Mikołajki liegen die Mittelwerte im Januar bei knapp 1 Grad am Tag und gut 3 Grad unter null in der Nacht, im August bei rund 24 Grad. Der Juli ist mit etwa 92 Millimetern der nasseste Monat, der März mit rund 38 Millimetern der trockenste, und im September fallen im Mittel 48 Millimeter. In Olsztyn sieht es ähnlich aus. Genau deshalb ist der September so gut: mildes Wasser, wenig Regen, leere Häfen.

Häufige Fragen

Wie viele Seen hat Masuren wirklich?

Die Zahlen schwanken je nach Definition, in der Seenplatte liegen jedenfalls Tausende Gewässer. Für Reisende zählt eine kleinere Zahl: die Kette der Großen Masurischen Seen zwischen Węgorzewo und Pisz, verbunden durch Kanäle und Schleusen. Der größte ist der Śniardwy, zugleich der größte See Polens.

Braucht man zum Segeln in Masuren einen Führerschein?

Das hängt von Bootsgröße und Motorleistung ab. Kleine Segelboote darfst du in Polen ohne Patent führen, für größere Yachten verlangen die Vermieter einen Nachweis. Welche Papiere ein Vercharterer akzeptiert, klärst du am besten vor der Buchung. Frag gleich, ob eine Einweisung im Preis enthalten ist, die Reviereigenheiten sind es wert.

Wann ist die beste Reisezeit für Masuren?

Juni und September. Im Juni sind die Tage am längsten und alles ist grün, im September ist es trocken, ruhig und das Wasser noch warm genug. Juli und August bringen die wärmsten Tage, in Mikołajki im Mittel rund 24 Grad, dafür volle Häfen, ausgebuchte Unterkünfte und im Juli den meisten Regen.

Sind Mücken in Masuren ein Problem?

Ja, und zwar ein echtes. An schilfigen Ufern, in Waldnähe und an windstillen Abenden im Frühsommer wirst du sie brauchen: ein Mittel gegen Insekten, lange Kleidung für abends und ein Netz vor der Bootskajüte. Auf offenem Wasser ist Ruhe, sobald ein wenig Wind geht. Zecken sind in den Wäldern ebenfalls verbreitet.

Kann man Masuren ohne Boot erleben?

Ja. Es gibt Ausflugsschiffe zwischen den größeren Orten, Radwege, Kajaktouren auf der Krutynia und mit Allenstein, Święta Lipka und der Feste Boyen genug an Land. Ein Auto ist dann aber fast Pflicht, weil die Busverbindungen zwischen den Seenorten dünn sind und die Entfernungen größer wirken, als die Karte vermuten lässt.

Warum stehen auf den Schildern nur polnische Ortsnamen?

Weil das die amtlichen Namen sind. Die Region gehörte bis 1945 zu Ostpreußen, seither ist sie polnisch, und Wegweiser, Fahrpläne und Navigationsgeräte kennen nur Mikołajki, Giżycko und Olsztyn. Die deutschen Namen Nikolaiken, Lötzen und Allenstein helfen dir beim Lesen alter Karten, an der Fahrkartenkasse aber nicht weiter.