Masowien · Warschau

Praga: das andere Warschau

Warschau hat eine Altstadt, die nach 1945 wieder aufgebaut wurde, und einen Stadtteil, der nie zerstört wurde. Der liegt auf der rechten Seite der Weichsel und heißt Praga. Hier stehen Mietshäuser aus dem 19. Jahrhundert mit abgeplatztem Putz, Hinterhöfen und Ziegelmauern, an denen man die Zeit sehen kann.

Für einen halben Tag ist Praga der beste Kontrast zum Zentrum: näher am Alltag, ruppiger, deutlich billiger beim Essen und mit zwei Museen, die es so nirgends sonst gibt. Mit der Metro bist du in wenigen Minuten drüben.

Praga: das andere Warschau
Foto: Roman Eugeniusz, CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons

Auf einen Blick

  • Lagerechtes Weichselufer, gegenüber der Altstadt
  • BezirkePraga-Północ und Praga-Południe
  • BesonderheitBebauung des 19. Jahrhunderts weitgehend im Original erhalten
  • AnreiseMetro-Linie M2, dazu Trams über die Weichselbrücken
  • Dauerein halber Tag, mit Museen auch länger

Warum Praga anders aussieht

Im Sommer 1944 erreichte die Rote Armee die Weichsel und blieb am rechten Ufer stehen. Der Warschauer Aufstand fand auf der linken Seite statt, und dort ließ die deutsche Besatzung nach der Niederlage die Stadt planmäßig zerstören. Praga lag da bereits hinter der Front. Deshalb steht hier noch, was drüben verschwunden ist: ganze Straßenzüge aus Mietshäusern, Werkstätten, Ziegelfassaden ohne Putz, Höfe mit Teppichstangen.

Das erklärt auch, warum Filmteams für Aufnahmen aus dem Warschau der Vorkriegszeit hierher kommen. Und es erklärt den Ruf des Viertels: Praga galt jahrzehntelang als arm und rau, während drüben neu gebaut wurde. Von dieser Vergangenheit ist mehr übrig als von der Altstadt gegenüber.

Höfe, Kapellen und die Ząbkowska

Der Kern liegt rund um die Ząbkowska-Straße, eine der wenigen Straßen Warschaus mit altem Kopfsteinpflaster. Von dort gehst du in die Innenhöfe, die praskie podwórka. Viele sind offen, in einigen stehen kleine Marienkapellen aus Holz und Blech, oft mit Blumen und Kerzen. Die Bewohner haben sie während der deutschen Besatzung gebaut, weil sie ihre Kirchen nicht gefahrlos erreichen konnten. Es sind Wohnhöfe, keine Museen: Schau hinein, sprich leise, und fotografiere keine Fenster.

Ein paar Schritte weiter liegt der Bazar Różyckiego, einer der ältesten Märkte der Stadt. Er ist längst nicht mehr das Handelszentrum von früher, aber ein guter Ort, um zu sehen, wie Praga tatsächlich funktioniert.

Gut zu wissen: Praga ist nicht ein Stadtteil, sondern zwei: Praga-Północ im Norden mit den alten Mietshäusern und der Ząbkowska, Praga-Południe im Süden mit dem Neonmuseum. Zwischen beiden liegen einige Kilometer. Prüf vor dem Losgehen, welcher Teil auf deiner Karte gemeint ist, sonst läufst du in die falsche Richtung.

Kirchen auf der rechten Seite

Zwei Bauten fallen auf. Die neugotische Kathedrale mit den zwei hohen Türmen an der Florian-Straße wurde 1944 von der Besatzung gesprengt und danach wieder aufgebaut. Und die orthodoxe Kirche der Heiligen Maria Magdalena mit ihren goldenen Kuppeln stammt aus der Zeit der russischen Herrschaft im 19. Jahrhundert; sie ist eine aktive Gemeindekirche. In beiden gilt, was in Polen überall gilt: Schultern und Knie bedeckt, Mütze ab, während der Messe wird nicht besichtigt.

Neonmuseum und Koneser

Das Neonmuseum sammelt die Leuchtreklamen der Volksrepublik, jene handgebogenen Schriftzüge und Figuren, die in den Fünfziger- und Sechzigerjahren an polnischen Fassaden hingen und später im Container landeten. Die Halle ist voll davon, alles brennt, und im Dunkeln ist der Effekt am stärksten. Es liegt in einem alten Fabrikgelände in Praga-Południe.

Der zweite Ort ist Koneser, eine ehemalige Wodkafabrik aus dem späten 19. Jahrhundert, deren Backsteinhallen zu einem Quartier mit Büros, Wohnungen, Läden und Lokalen umgebaut wurden. Dort sitzt auch das Museum der polnischen Wodka, das die Geschichte des Getränks als Handwerk und Wirtschaftszweig erzählt, mit Führung und Verkostung für Erwachsene.

Tickets: Neonmuseum und Wodkamuseum sind getrennte Häuser mit getrennten Tickets, eine Kombikarte gibt es nicht. Für das Wodkamuseum buchst du eine Führung mit Zeitfenster vorab auf der offiziellen Website, für das Neonmuseum genügt es meist, vor Ort zu zahlen. Bezahlt wird in Złoty, Karte funktioniert überall. Bietet dir das Terminal die Abrechnung in Euro an, lehnst du ab.

Wie du hinkommst

Am schnellsten mit der Metro-Linie M2, die unter der Weichsel hindurchfährt und in Praga mehrere Stationen hat. Vom Zentrum bist du in weniger als zehn Minuten drüben. Trams fahren über die Brücken, und zu Fuß kommst du über die Fuß- und Radbrücke, die von der Uferpromenade unterhalb der Altstadt direkt nach Praga führt. Wie Metro, Tram und Tickets funktionieren, steht auf der Seite zum Verkehr in Warschau.

Wie sich das Viertel verändert

Praga ist seit einigen Jahren im Umbruch. Ateliers, Cafés und Galerien haben sich in den Erdgeschossen eingerichtet, die Metro hat das Viertel näher an das Zentrum gerückt, die Mieten steigen. Manche Häuser sind saniert, das Nachbarhaus daneben noch nicht. Wer ein durchgestyltes Quartier erwartet, wird hier nichts finden, und wer ein Elendsviertel erwartet, ebenso wenig. Abends gilt das, was in jeder Großstadt gilt: Hauptstraßen statt dunkle Durchgänge, und mit dem üblichen Blick unterwegs sein.

Was du damit verbindest

Der Warschauer Zoo liegt ebenfalls auf dieser Seite, gleich hinter der Brücke, und direkt daneben beginnt das wilde Weichselufer mit Sandstränden und dem besten Blick auf die Skyline. Zum Essen bleibst du am besten hier: Die Lokale in Praga sind ehrlicher kalkuliert als die am Altstadtmarkt, mehr dazu auf der Seite Essen und Trinken in Warschau. Alle weiteren Ziele der Stadt findest du in der Übersicht der Warschauer Sehenswürdigkeiten.

Wenn es nicht klappt

  • Wenn es voll istPraga wird selten voll, die Besucher verteilen sich auf ein großes Gebiet. Ist eine Führung durch das Wodkamuseum ausgebucht, gehst du stattdessen über das Koneser-Gelände, das frei zugänglich ist, oder verschiebst auf einen Wochentag. Am Wochenende sind die Lokale rund um die Ząbkowska abends gut besetzt.
  • Wenn es regnetHöfe und Straßen machen bei Regen wenig Freude. Dann konzentrierst du dich auf die Innenräume: Neonmuseum, Wodkamuseum und die Hallen von Koneser liegen alle unter Dach und füllen problemlos einen Nachmittag.
  • Mit KindernMit Kindern funktioniert Praga über den Zoo und das Neonmuseum, das bunt und laut genug ist. Die Höfe und Kirchen interessieren jüngere Kinder wenig. Kombiniere den Besuch mit den Stadtstränden am Fluss, dann trägt der Tag.
  • Mit eingeschränkter MobilitätDie Gehwege sind uneben, die Ząbkowska hat historisches Kopfsteinpflaster, und in die Innenhöfe führen zum Teil Stufen und schmale Durchgänge. Die Metrostationen der Linie M2 sind mit Aufzügen ausgestattet, das Koneser-Gelände ist eben und gut befahrbar.

Häufige Fragen

Ist Praga in Warschau gefährlich?

Nein. Der alte Ruf stammt aus einer Zeit, in der das Viertel arm und vernachlässigt war. Heute ist Praga ein normaler Stadtteil mit Metroanschluss, Lokalen und steigenden Mieten. Tagsüber bewegst du dich völlig unbefangen, abends gilt die übliche Großstadtvorsicht: auf den Hauptstraßen bleiben, Wertsachen nicht offen tragen, dunkle Hausdurchgänge auslassen.

Wie kommt man von der Altstadt nach Praga?

Am schnellsten mit der Metro-Linie M2, die unter der Weichsel hindurchfährt; vom Zentrum bist du in unter zehn Minuten auf der anderen Seite. Trams fahren über die Brücken. Zu Fuß gehst du über die Fuß- und Radbrücke, die von der Uferpromenade unterhalb der Altstadt hinüberführt, das dauert etwa eine Viertelstunde und ist die schönere Variante.

Wie lange braucht man für Praga?

Ein halber Tag reicht für die Ząbkowska-Straße, ein paar Innenhöfe, die beiden Kirchen und das Koneser-Gelände. Willst du zusätzlich ins Neonmuseum und ins Wodkamuseum, wird ein ganzer Tag daraus. Wer mit Kindern reist, hängt den Zoo an, der ebenfalls auf dieser Seite der Weichsel liegt.

Darf man die Innenhöfe von Praga betreten?

Viele Durchgänge stehen offen und werden auch von Führungen genutzt. Es sind trotzdem Wohnhöfe, in denen Menschen leben. Geh hinein, wenn kein Tor verschlossen ist, sprich leise, halte dich nicht lange auf und fotografiere keine Fenster und keine Bewohner. Vor den Hofkapellen verhältst du dich wie in einer Kirche.

Lohnt sich das Neonmuseum in Warschau?

Wenn dich Gestaltung, Handwerk oder die Alltagskultur der Volksrepublik interessieren, ja. Die Sammlung zeigt gebogene Leuchtröhren aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren, die einmal an Kinos, Geschäften und Bahnhöfen hingen. Der Besuch dauert etwa eine Stunde und wirkt am stärksten, wenn es draußen dunkel ist.