Masowien · Warschau

Gedenkorte des Warschauer Gettos

Nordwestlich der Altstadt Warschaus liegt ein Stadtteil aus Wohnblocks der Nachkriegszeit. Er heißt Muranów, und er steht auf dem Gelände des Warschauer Gettos, das die deutsche Besatzung 1940 einrichtete und 1943 zusammen mit den Menschen darin vernichtete. Häuser gibt es hier keine mehr aus dieser Zeit. Was geblieben ist, sind Denkmäler, wenige Mauerreste und Markierungen im Gehweg.

Diese Orte sind keine Sehenswürdigkeiten. Sie sind Gedenkorte und für viele Familien ein Grab ohne Grabstein. Der Zugang ist frei und jederzeit möglich, alles liegt im Freien. Diese Seite erklärt, was an den einzelnen Stellen geschehen ist, wie du sie zu Fuß verbindest und welches Verhalten dort erwartet wird.

Gedenkorte des Warschauer Gettos
Foto: Pudelek, CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

Auf einen Blick

  • LageStadtteil Muranów, nordwestlich der Altstadt
  • Gettovon der deutschen Besatzung 1940 eingerichtet, im November 1940 abgeriegelt
  • Aufstand im Gettobegann am 19. April 1943, niedergeschlagen im Mai 1943
  • Denkmal der Gettohelden1948 errichtet, von Nathan Rapoport
  • Zugangfrei, alle Orte liegen im öffentlichen Raum
  • Dauer2 bis 3 Stunden zu Fuß

Was hier geschehen ist

Vor 1939 lebte in Warschau die größte jüdische Gemeinde Europas, rund ein Drittel der Stadtbevölkerung. Im Herbst 1940 zwang die deutsche Besatzung diese Menschen in ein abgesperrtes Viertel und mauerte es zu. Zeitweise waren dort mehr als 400.000 Menschen auf wenigen Quadratkilometern eingeschlossen. Zehntausende starben an Hunger und Krankheit.

Ab dem Sommer 1942 deportierte die Besatzung die Bewohner in das Vernichtungslager Treblinka, rund 300.000 Menschen in wenigen Wochen. Als im April 1943 die letzte Räumung begann, leisteten die Verbliebenen bewaffneten Widerstand. Der Aufstand im Getto dauerte knapp einen Monat. Danach brannte und sprengte die SS das gesamte Viertel nieder, Straße für Straße. Was heute steht, wurde nach 1945 auf dem Schutt errichtet, der nie abgetragen wurde. An manchen Stellen liegt das Straßenniveau von Muranów mehrere Meter über dem alten.

Denkmal der Gettohelden und der Gedenkweg

Das Denkmal der Gettohelden steht auf dem Platz vor dem POLIN-Museum. Es wurde 1948 aufgestellt, als ringsum noch Trümmerfelder lagen, und zeigt auf der einen Seite die Kämpfenden, auf der Rückseite den Zug der Deportierten. Vor diesem Denkmal kniete Bundeskanzler Willy Brandt am 7. Dezember 1970 nieder. Eine Tafel auf dem angrenzenden Platz erinnert daran.

Vom Denkmal führt der Gedenkweg des jüdischen Kampfes und Martyriums nach Norden. Sechzehn niedrige Granitblöcke stehen entlang der Strecke, jeder mit einem Namen oder einem Ereignis versehen. Einer der Blöcke steht an der Miła-Straße, auf einem Hügel aus Trümmern: Darunter lag der Kommandobunker der jüdischen Kampforganisation, in dem ihre Führung im Mai 1943 starb.

Der Umschlagplatz

An der Stawki-Straße endet der Weg an einer offenen Einfassung aus weißem Stein. Hier lag der Umschlagplatz, die Verladerampe, von der die Züge nach Treblinka abfuhren. In die Wände sind mehrere hundert jüdische Vornamen eingraviert, stellvertretend für die Menschen, deren Namen niemand mehr kennt. Der Ort ist klein, laut vom Verkehr und leicht zu übersehen. Nimm dir hier die meiste Zeit.

Mauerreste und Markierungen im Gehweg

Von der Gettomauer sind nur wenige Stücke erhalten. Die bekanntesten stehen im Innenhof zwischen der Sienna-Straße und der Złota-Straße, südlich des Zentrums, mitten in einem normalen Wohnblock, mit einer Tafel daneben. Ein weiteres Stück steht an der Waliców-Straße.

Wichtiger für das Verständnis sind die Markierungen im Boden. An gut zwanzig Stellen in der Innenstadt zeigen in den Gehweg eingelassene Metallstreifen und Tafeln, wo die Mauer verlief und wie sich die Grenze im Lauf der Zeit verschob. Du läufst mitten in der Stadt darüber, oft ohne es zu merken. Genau das ist der Punkt: Das Getto lag nicht am Rand, sondern im Zentrum.

Gut zu wissen: Der Aufstand im Getto vom April 1943 und der Warschauer Aufstand vom August 1944 sind zwei verschiedene Ereignisse mit verschiedenen Beteiligten. Im deutschen Sprachgebrauch werden sie regelmäßig verwechselt. Das Museum des Warschauer Aufstands behandelt das zweite Ereignis.

Wie du den Weg gehst

Sinnvoll ist die Strecke vom Denkmal der Gettohelden über den Gedenkweg zum Umschlagplatz, rund zwanzig Minuten zu Fuß, dazu die Zeit an den einzelnen Stationen. Wer die Mauerreste an der Sienna-Straße sehen will, fährt anschließend mit Tram oder Metro Richtung Zentrum. Rechne insgesamt mit 2 bis 3 Stunden. Wie du dich in der Stadt bewegst, steht auf der Seite zum Verkehr in Warschau.

Viele verbinden den Gang mit dem Besuch des POLIN-Museums, das auf demselben Gelände steht und die tausend Jahre jüdischen Lebens in Polen erzählt, die vor der Vernichtung liegen. Diese Reihenfolge ist die bessere: erst die Geschichte, dann ihr Ende.

Achtung: Diese Orte sind Gedenkstätten und für viele Angehörige der einzige Ort der Trauer. Sprich leise, halte Abstand zu Kränzen und Kerzen, iss und trink dort nicht und mach keine Aufnahmen von dir selbst vor den Denkmälern. An den Denkmälern liegen häufig Steine: Das ist im Judentum ein Zeichen des Gedenkens, kein Abfall.

Was dazugehört

Zwei Orte ergänzen den Gang. Der jüdische Friedhof an der Okopowa-Straße wurde 1806 angelegt, gehört zu den größten Europas und blieb erhalten, mit über hunderttausend Grabsteinen unter alten Bäumen. Und die Nożyk-Synagoge ist die einzige Synagoge Warschaus, die den Krieg überstanden hat; sie wird bis heute von der Gemeinde genutzt. Beide zeigen, dass diese Geschichte nicht mit 1943 endet. Den größeren Zusammenhang findest du auf den Seiten zum jüdischen Erbe in Polen und zu den Gedenkorten des Zweiten Weltkriegs. Die übrigen Ziele der Stadt stehen in der Übersicht der Warschauer Sehenswürdigkeiten.

Wenn es nicht klappt

  • Wenn es voll istAndrang gibt es an diesen Orten kaum, sie liegen verteilt im normalen Stadtgebiet. Voll wird es nur an den Jahrestagen im April und im August, wenn offizielle Gedenkfeiern stattfinden. Dann bleibst du im Hintergrund und wartest, bis die Zeremonie vorbei ist, statt dich dazwischen zu bewegen.
  • Wenn es regnetAlle Stationen liegen im Freien, Unterstände gibt es nicht. Bei anhaltendem Regen verlegst du den Weg auf einen anderen Tag und gehst stattdessen ins POLIN-Museum, das auf demselben Gelände steht und dieselbe Geschichte von ihrem Anfang her erzählt.
  • Mit KindernFür jüngere Kinder ist der Ort nicht geeignet. Mit Jugendlichen sprichst du vorher darüber, was sie sehen werden, und planst danach nichts weiter ein. Weil der Weg im Freien verläuft, kannst du ihn jederzeit unterbrechen.
  • Mit eingeschränkter MobilitätDer Weg vom Denkmal der Gettohelden zum Umschlagplatz führt über ebene Gehwege und ist mit Rollstuhl oder Kinderwagen befahrbar. Die Mauerreste an der Sienna-Straße liegen in einem Innenhof, der über eine Durchfahrt erreichbar ist. Der jüdische Friedhof an der Okopowa-Straße hat unbefestigte, wurzelige Wege.

Häufige Fragen

Kann man das Warschauer Getto heute noch sehen?

Das Viertel selbst nicht. Die deutsche Besatzung hat es 1943 vollständig zerstört, der Stadtteil Muranów wurde nach dem Krieg auf dem Schutt neu gebaut. Sichtbar sind Denkmäler, der Umschlagplatz, wenige Reste der Gettomauer in Innenhöfen und Metallmarkierungen im Gehweg, die den Verlauf der Grenze zeigen. Alles liegt frei zugänglich im öffentlichen Raum.

Wie lange braucht man für die Gedenkorte?

Für den Weg vom Denkmal der Gettohelden über den Gedenkweg bis zum Umschlagplatz reichen 2 bis 3 Stunden, wenn du an den Stationen stehen bleibst und liest. Kommen die Mauerreste an der Sienna-Straße dazu, plane einen halben Tag ein. Zusammen mit dem POLIN-Museum wird daraus ein voller Tag, mehr sollte an diesem Tag nicht auf dem Programm stehen.

Kostet der Besuch der Gedenkorte Eintritt?

Nein. Denkmal der Gettohelden, Gedenkweg, Umschlagplatz, Mauerreste und die Markierungen im Gehweg liegen im öffentlichen Raum und sind jederzeit ohne Ticket zugänglich. Eintritt zahlst du nur in den Museen, etwa im POLIN-Museum, das auf demselben Gelände steht und für das du ein Zeitfenster buchst.

Ist ein Besuch mit Kindern angemessen?

Für jüngere Kinder ist dieser Ort nicht gedacht. Mit Jugendlichen ab etwa vierzehn Jahren funktioniert der Gang gut, wenn du vorher erklärst, was hier geschehen ist, und danach Zeit zum Reden lässt. Weil alles im Freien liegt und niemand durch Ausstellungsräume geführt wird, lässt sich das Tempo frei bestimmen und der Weg jederzeit abbrechen.

Was ist der Unterschied zwischen dem Aufstand im Getto und dem Warschauer Aufstand?

Der Aufstand im Getto begann am 19. April 1943 und war der bewaffnete Widerstand der letzten im Getto verbliebenen jüdischen Bevölkerung gegen die Deportation. Der Warschauer Aufstand begann am 1. August 1944 und ging von der polnischen Untergrundarmee in der ganzen Stadt aus. Beide endeten mit einer Niederlage und mit weiterer Zerstörung, sie haben aber unterschiedliche Träger und Anlässe.