Großpolen · Posen

Kaiserschloss

Kein Gebäude in Poznań erzählt so viel über das 20. Jahrhundert wie dieses. Von 1905 bis 1910 wurde es für Wilhelm II. gebaut, im Stil einer romanischen Burg, mitten in eine polnische Stadt, die damals zu Preußen gehörte. Das war keine Wohnadresse, das war eine Ansage.

Danach wechselte das Haus mehrfach die Rolle: polnische Universität, Sitz des Staatspräsidenten, ab 1939 Umbau durch die deutschen Besatzer samt einem Arbeitszimmer für Hitler, nach 1945 Kulturhaus. Heute heißt es schlicht Zamek, es gibt Kino, Konzerte und einen Rosengarten im Hof. Der Bau versteckt seine Schichten nicht, und genau deshalb lohnt er sich.

Kaiserschloss
Foto: MOs810, CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons

Auf einen Blick

  • Polnischer NameZamek Cesarski, heute Centrum Kultury Zamek
  • Bauzeit1905 bis 1910
  • ArchitektFranz Schwechten, neuromanisch
  • Umbau1939 bis 1945 durch die deutsche Besatzung
  • HeuteKulturzentrum mit Kino, Konzerten und Ausstellungen
  • Dauer1 bis 2 Stunden

Gebaut für einen Kaiser

Poznań gehörte von 1793 bis 1918 zu Preußen und war ab 1815 Hauptstadt der Provinz Posen. Um 1900 setzte Berlin auf sichtbare Zeichen: Die alten Festungswälle fielen, und an ihrer Stelle entstand ein ganzer Ring aus Repräsentationsbauten mit Theater, Akademie, Postamt und, als Mittelpunkt, dem Schloss für den Kaiser.

Franz Schwechten entwarf einen Bau, der aussieht wie eine Burg aus dem 12. Jahrhundert: schwerer Sandstein, Rundbögen, ein wuchtiger Turm. Dazu gehörte eine Kapelle nach dem Vorbild der Aachener Pfalzkapelle, mit einem Thron für Wilhelm II. Fertig wurde das Ganze 1910, benutzt hat der Kaiser es kaum. Acht Jahre später begann in dieser Stadt der Großpolnische Aufstand, und die Region kam an Polen.

Zwischen den Kriegen zog die Universität ein, ein Teil des Hauses diente als Sitz des polnischen Staatspräsidenten. Der Bau blieb, was er war, bekam aber eine neue Bedeutung.

Der Umbau nach 1939

Im Zweiten Weltkrieg wurde Poznań ins Deutsche Reich eingegliedert, die Stadt hieß offiziell wieder Posen und war Sitz des Reichsstatthalters. Das Schloss sollte zur Residenz für Hitler werden. Von 1939 an bauten deutsche Architekten das Innere um: Die Kapelle wurde beseitigt, Räume wurden zusammengelegt, die Formen kahler und größer.

Dabei entstand im Obergeschoss ein Arbeitszimmer für Hitler, das er nie benutzt hat. Es existiert bis heute, mit Kamin und schweren Steinrahmen, und wird bei Führungen gezeigt. Das ist kein Ausstellungsstück zum Gruseln, sondern der nüchterne Beleg dafür, was hier geplant war, während in derselben Stadt Menschen vertrieben und im Fort VII eingesperrt und ermordet wurden.

Gut zu wissen: Das Arbeitszimmer und die Räume der Umbauphase kannst du nicht einfach so betreten, sie gehören zu Führungen mit festen Terminen. Frag am Infopunkt im Erdgeschoss nach der nächsten Runde und danach, ob sie auf Englisch angeboten wird. Der Rest des Hauses steht dir während der Öffnungszeiten offen.

Heute: Zamek

Seit den 1960er Jahren ist das Haus ein Kulturzentrum, und es ist eines der größten Europas. Es gibt ein Programmkino, Konzerte, Ausstellungen, Werkstätten und ein Café. Du kannst durch die Flure laufen, ohne Ticket, und dabei die Übergänge zwischen den Bauphasen sehen: Rundbögen von 1910 neben glatten Steinfassungen von 1940 neben Türen aus der Volksrepublik.

Der Innenhof mit dem Rosengarten ist frei zugänglich und der beste Platz für eine Pause zwischen Altem Markt und Stary Browar. Im Sommer stehen dort Stühle, im Winter ist es der windstillste Ort der Innenstadt.

Vor der Tür: Juni 1956 und Enigma

Auf dem Platz gegenüber stehen zwei hohe Kreuze, verbunden mit einem Band. Sie erinnern an den Posener Juni 1956: Die Arbeiter der großen Waggonfabrik streikten, der Protest wuchs zum Aufstand, Panzer schlugen ihn nieder. Dutzende Menschen starben, unter ihnen ein dreizehnjähriger Junge. Das Denkmal wurde 1981 aufgestellt, in der kurzen Zeit, in der das möglich war.

Ein paar Schritte weiter erinnert ein Zentrum an drei Mathematiker aus Poznań: Marian Rejewski, Jerzy Różycki und Henryk Zygalski, die Anfang der 1930er Jahre die deutsche Chiffriermaschine Enigma entschlüsselten und ihre Ergebnisse 1939 an Briten und Franzosen weitergaben. Die Ausstellung ist technisch, interaktiv und für Jugendliche gut geeignet.

Tickets: Hof, Rosengarten und die öffentlichen Flure kosten nichts. Für Ausstellungen, Kino und die Führungen durch die historischen Räume zahlst du, Termine und Sprachen stehen auf der offiziellen Seite des Hauses. Bezahlt wird in Złoty, nicht in Euro. Lehn am Terminal die Abrechnung in Euro ab und wähle Złoty, sonst zahlst du den Aufschlag der dynamischen Währungsumrechnung.

Offizielle Seite des Kulturzentrums

Was in der Nähe liegt

Rund um das Schloss liegt der ganze Ring der Bauten aus der Kaiserzeit, dazu das Nationalmuseum mit dem einzigen Monet in polnischem Besitz. Zum Alten Markt läufst du zehn Minuten, zum Hauptbahnhof ebenfalls, siehe Verkehr in Posen. Alle Orte der Stadt stehen unter Posen Sehenswürdigkeiten, den Überblick gibt die Seite zu Posen.

Wenn es nicht klappt

  • Wenn es voll istVoll wird es nur bei Konzerten und großen Ausstellungen. Wenn die Führung ausgebucht ist, läufst du die frei zugänglichen Flure ab und kommst am nächsten Tag zur ersten Runde wieder. Der Hof ist praktisch immer ruhig.
  • Wenn es regnetIdeal bei Regen, weil fast alles drinnen liegt und du zwischen Ausstellung, Kino und Café wechseln kannst. Das Nationalmuseum ist fünf Gehminuten entfernt und hält dich weitere zwei Stunden trocken.
  • Mit KindernDer Hof und das Kinderprogramm des Kulturzentrums funktionieren gut, die Führung durch die Räume der Besatzungszeit nicht. Mit älteren Kindern verbindest du den Besuch mit dem Enigma-Zentrum nebenan, das ist konkreter und lässt sich anfassen.
  • Mit eingeschränkter MobilitätDer Hof und die Hauptebene sind ebenerdig erreichbar, im Haus gibt es Aufzüge, allerdings nicht in jedem Flügel. Zu einzelnen historischen Räumen führen Treppen ohne Alternative. Frag am Infopunkt nach dem barrierefreien Weg, das Personal kennt die Umwege.

Häufige Fragen

Kann man das Kaiserschloss in Posen besichtigen?

Ja. Innenhof, Rosengarten und die öffentlichen Bereiche des Kulturzentrums sind frei zugänglich, Ausstellungen und Kino haben Tickets. Die historischen Räume aus der Kaiserzeit und der Umbauphase ab 1939 siehst du nur mit Führung zu festen Terminen. Frag am Infopunkt, ob eine Runde auf Englisch angeboten wird.

Stimmt es, dass es dort ein Arbeitszimmer für Hitler gibt?

Ja. Beim Umbau ab 1939 richteten die deutschen Architekten im Obergeschoss ein Arbeitszimmer für Hitler ein, benutzt hat er es nie. Der Raum mit Kamin und schweren Steinrahmen ist erhalten und wird bei Führungen gezeigt und eingeordnet. Er wird nicht als Attraktion behandelt, sondern als Beleg für die Pläne der Besatzungszeit.

Warum steht in Posen ein Schloss für einen deutschen Kaiser?

Weil Poznań von 1793 bis 1918 zu Preußen gehörte und ab 1815 Hauptstadt der Provinz Posen war. Um 1900 ließ Berlin die Festungswälle abtragen und dort einen Ring aus Repräsentationsbauten errichten, mit dem Schloss als Mittelpunkt. Es war ein politisches Zeichen. Ende 1918 brachte der Großpolnische Aufstand die Region an Polen zurück.

Wie viel Zeit sollte man für den Zamek einplanen?

Eine Stunde reicht für Hof, Rosengarten, Flure und einen Blick ins Programm. Mit Führung durch die historischen Räume werden es zwei. Wenn du das Denkmal für den Juni 1956 gegenüber und das Enigma-Zentrum dazunimmst, planst du einen halben Nachmittag ein.

Ist der Besuch mit Kindern sinnvoll?

Der Innenhof und der Rosengarten funktionieren für alle Altersstufen, das Kulturzentrum hat regelmäßig Programm für Kinder. Die Führung durch die Räume der Besatzungszeit ist dagegen nichts für Grundschulkinder. Ältere Jugendliche kommen damit zurecht, wenn du vorher erklärst, worum es geht. Das Enigma-Zentrum nebenan ist ab etwa zehn Jahren spannend.