Niederschlesien · Breslau

Die Zwerge von Breslau

Sie sitzen auf Fensterbrettern, schieben Kugeln, schlafen unter Bänken und hängen an Laternen: Weit über achthundert Bronzezwerge sind in Wrocław verteilt, meist etwa kniehoch, keine zwei gleich. Für Kinder ist das die beste Beschäftigung der Stadt, für Erwachsene die kürzeste Einführung in ihre Geschichte.

Denn die Zwerge sind kein Marketingeinfall aus dem Rathaus. Sie kommen aus dem Widerstand gegen die Regierung in den Achtzigerjahren, und wer das weiß, sieht sie mit anderen Augen.

Die Zwerge von Breslau
Foto: Fallaner, CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

Auf einen Blick

  • Polnischer Namekrasnale
  • Anzahlweit über achthundert, es werden mehr
  • UrsprungPomarańczowa Alternatywa, Protestbewegung der Achtzigerjahre
  • Erste BronzefigurPapa Krasnal, 2001, an der Ulica Świdnicka
  • Dauer1 bis 2 Stunden nebenbei beim Bummeln

Woher die Zwerge kommen

Anfang der Achtzigerjahre entstand in Wrocław die Pomarańczowa Alternatywa, die Orange Alternative, um Waldemar Fydrych, den alle nur „Major“ nannten. Nach der Ausrufung des Kriegsrechts im Dezember 1981 übertünchte die Miliz regierungskritische Parolen an den Häuserwänden mit Farbflecken.

Die Gruppe malte auf genau diese Flecken kleine Zwerge. Das war der Trick: Wer den Zwerg entfernte, machte den Fleck wieder sichtbar und bestätigte, dass dort etwas gestanden hatte. Später kamen Straßenaktionen dazu, bei denen Hunderte mit orangen Zipfelmützen durch die Stadt zogen und die Miliz Menschen verhaften musste, die nichts weiter taten als Zwerg zu sein. Gegen Panzer half das nicht, gegen die Würde des Systems schon.

Vom Protest zur Bronze

2001 wurde an der Ulica Świdnicka eine kleine Bronzefigur aufgestellt, Papa Krasnal, als Denkmal für die Bewegung. 2005 kamen fünf weitere dazu, gestaltet vom Bildhauer Tomasz Moczek, darunter die beiden Syzyfki, die eine Steinkugel den Gehweg hinaufschieben.

Danach wurde daraus eine Bewegung eigener Art: Geschäfte, Institutionen und Vereine stellten eigene Figuren auf, jede mit Bezug zu ihrem Ort. Es gibt einen Zwerg mit Zeitung, einen am Geldautomaten, einen mit Kochlöffel. Dass daraus längst auch ein Geschäft geworden ist, wird in der Stadt durchaus kritisch gesehen. Die Herkunft macht das nicht kleiner.

Gut zu wissen: An der Ulica Świdnicka steht eine Gruppe von Zwergen, die auf Menschen mit Behinderung aufmerksam macht: einer im Rollstuhl, einer, der nichts hört, einer, der Blindenschrift liest. Ein paar Schritte weiter, an der Kreuzung mit der Ulica Piłsudskiego, versinken Bronzefiguren in Lebensgröße im Gehweg und tauchen auf der anderen Straßenseite wieder auf. Das Denkmal erinnert an den 13. Dezember 1981, den Tag des Kriegsrechts, an dem Menschen einfach verschwanden.

Wo die bekanntesten sitzen

Am dichtesten stehen sie rund um den Rynek und entlang der Ulica Świdnicka. Weitere Reviere sind die Markthalle, die Gegend um die Universität, der Hauptbahnhof und die Brücken zur Dominsel. Am Oderufer wäscht einer Wäsche im Fluss, an der alten Fleischerzeile Stare Jatki steht einer mit Beil.

Es gibt gedruckte Karten in der Touristeninformation und mehrere Apps mit Standorten. Beides ist praktisch, wenn du gezielt sammelst. Mit Kindern funktioniert es fast besser ohne: einfach nach unten schauen, mitzählen und am Abend vergleichen, wer wie viele gefunden hat.

Tipp: Vergib Punkte statt Zahlen. Ein normaler Zwerg zählt einfach, ein Zwerg, der etwas tut, das mit dem Haus dahinter zu tun hat, zählt doppelt. Damit schauen Kinder plötzlich auch die Fassaden an, und aus dem Sammeln wird ein Stadtrundgang.

Tickets: Die Suche kostet nichts, alle Figuren stehen frei im öffentlichen Raum. In der Touristeninformation am Rynek bekommst du eine gedruckte Karte, geführte Zwergentouren werden ebenfalls angeboten und lohnen sich vor allem wegen der Geschichten zur Orangen Alternative. Bezahlt wird in Złoty, Kartenzahlung ist auch bei kleinen Beträgen üblich.

Offizielle Seite der Stadt

Wie du die Suche einbaust

Mach keinen eigenen Programmpunkt daraus. Die Zwerge funktionieren als Beiwerk: Du läufst ohnehin vom Rynek zur Oder, und unterwegs findest du zwanzig Stück. Wer alle sehen will, scheitert daran, dass ständig neue dazukommen. Alles andere in der Stadt steht unter Breslau Sehenswürdigkeiten.

Wenn es nicht klappt

  • Wenn es voll istVoll ist es nur an den bekanntesten Figuren am Rynek, wo sich manchmal eine kleine Schlange zum Fotografieren bildet. Geh dann eine Gasse weiter, dort steht der nächste. Früh am Morgen hast du alle für dich.
  • Wenn es regnetDie Suche funktioniert bei Regen schlecht, weil du nach unten schauen musst. Verleg sie in die Markthalle und die überdachten Passagen oder verschieb sie auf den nächsten Tag, die Zwerge laufen nicht weg.
  • Mit KindernGenau dafür gemacht. Gib den Kindern die Karte in die Hand und lass sie führen. Ein Zählspiel mit Punkten hält die Aufmerksamkeit länger, und die Figuren dürfen angefasst werden, sie sind aus massiver Bronze.
  • Mit eingeschränkter MobilitätDie Figuren stehen im öffentlichen Raum, oft direkt am Bordstein oder auf Pflaster. Mit Rollstuhl oder Kinderwagen kommst du an die meisten heran, das grobe Kopfsteinpflaster im Zentrum ist dabei die eigentliche Hürde. Für Blinde gibt es einzelne Figuren mit tastbaren Details.

Häufige Fragen

Wie viele Zwerge gibt es in Breslau?

Weit über achthundert, und die Zahl wächst weiter, weil Geschäfte und Vereine immer neue aufstellen. Eine offizielle Endzahl gibt es deshalb nicht. Wer sammelt, arbeitet am besten mit einer Karte oder App und nimmt sich einzelne Viertel vor, statt die ganze Stadt auf einmal absuchen zu wollen.

Warum gibt es in Breslau Zwerge?

Sie gehen auf die Pomarańczowa Alternatywa zurück, eine Protestbewegung der Achtzigerjahre. Sie malte Zwerge auf die Farbflecken, mit denen die Miliz regierungskritische Parolen übermalt hatte, und veranstaltete absurde Straßenaktionen mit orangen Zipfelmützen. 2001 kam die erste Bronzefigur als Denkmal für diese Bewegung dazu, ab 2005 wurden es immer mehr.

Wo findet man die meisten Zwerge in Breslau?

Rund um den Rynek und entlang der Ulica Świdnicka stehen sie am dichtesten. Weitere gute Reviere sind die Markthalle, die Universität, der Hauptbahnhof und die Brücken zur Dominsel. Schau konsequent nach unten, viele sitzen auf Höhe der Knöchel, manche aber auch an Wänden, Laternen und Fensterbrettern.

Lohnt sich eine Zwergen-Tour mit Kindern?

Ja, das ist die beste Beschäftigung für Kinder in Wrocław. Sie brauchen keine Führung, sondern nur ein Ziel: eine Zahl, die es zu knacken gilt. Eine gedruckte Karte hilft, wenn ihr gezielt sammeln wollt. Plant Pausen ein, denn das Kopfsteinpflaster im Zentrum ist anstrengender, als die kurzen Wege vermuten lassen.